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Wenn aus “Ich könnte“ zum „Ich müsste“ wird

Mein Weg zu mir 5 Min. Lesezeit

Wenn aus “Ich könnte“ zum „Ich müsste“ wird

Endlich frei. Und plötzlich muss ich alles. Ich habe Urlaub. Niemand erwartet etwas von mir. Niemand sagt mir, was ich tun soll. Und trotzdem ist sie da, diese innere Liste: Aufräumen. Wäsche. Schreiben. Kreativ sein. Bis ich mich frage: Wer macht mir eigentlich diesen Druck, wenn es heute niemand mehr tut? Die Antwort führt mich zurück zu blauen Müllsäcken, einer offenen Kinderzimmertür – und zu der Frage, was Freiheit für mich heute wirklich bedeutet.

Ich habe frei. Und jetzt?

Wenn meine Wohnung ordentlich ist, habe ich mein Leben im Griff.

Ich habe Urlaub.


Die Erwartungen an die freie Zeit

Eigentlich habe ich mich total darauf gefreut. Endlich frei. Ausschlafen. Zeit haben. Vielleicht malen, schreiben, an meinem Buch weitermachen.

Und jetzt ist die Zeit da.

Und plötzlich merke ich, dass mich genau das manchmal überfordert.

Ich könnte meine Wäsche machen. Meine Wohnung aufräumen. Schreiben. Kreativ sein.

Ich könnte so viel.

Und aus diesem „Ich könnte“ wird in meinem Kopf ziemlich schnell:

Ich müsste.

Und irgendwann sind es so viele Dinge gleichzeitig, dass ich gar nicht mehr weiß, womit ich anfangen soll.

Also sitze ich hier.

Donnerstagabend.

Und schreibe meinen Blog.


Meine Wohnung ist nicht dreckig

Während ich diesen Satz schreibe, merke ich schon, dass ich mich rechtfertige.

Meine Wohnung ist nicht dreckig.

Sie entspricht gerade einfach nicht meiner Ordnung.

Denn ich mag es sauber. Sehr sauber sogar.

Ich liebe frisch gewaschene Wäsche, gute Gerüche und dieses Gefühl, wenn alles ordentlich und an seinem Platz ist.

Meine Wohnung ist meine Safe Base.

Und wenn sie sauber und ordentlich ist, passiert etwas mit mir:

Ich werde ruhiger.

Ich habe das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben.

Und genau bei diesem Satz bleibe ich hängen.

Wenn meine Wohnung ordentlich ist, habe ich mein Leben im Griff.

Vielleicht geht es gar nicht nur um Sauberkeit.

Vielleicht geht es um Kontrolle.


Ordnung war früher nicht einfach nur Ordnung

Meine Mutter war unglaublich ordentlich. Pedantisch sauber.

Aber als Kind habe ich sie dafür nicht bewundert.

Als Kind hat mir das Angst gemacht.

Wenn mein Zimmer nicht ihren Vorstellungen entsprach, konnte es passieren, dass sie meine Sachen in einen blauen Müllsack steckte.

Manches wurde tatsächlich weggeworfen.

Ich erinnere mich daran, aus der Schule nach Hause zu kommen und meine Kinderzimmertür offen zu sehen.

Und manchmal lag da dieser blaue Müllsack.

Dann wusste ich Bescheid.

Sie war in meinem Zimmer gewesen.

Sie hatte alles durchsucht.

Und sie hatte etwas gefunden.

Irgendetwas fand sie immer.

Es ging dann irgendwann nicht mehr nur um herumliegende Sachen.

Es ging um mich.

Darum, dass ich dreckig sei. Dass ich eine Schlampe sei. Um Worte, mit denen sie mich gedemütigt hat.

Ordnung war für mich deshalb nicht einfach nur Ordnung.

Sie war mit Kontrolle verbunden.

Und mit Angst.


Später war es anders

Als ich erwachsen war und längst nicht mehr bei meiner Mutter wohnte, mochte ich ihre Wohnung.

Ich kam rein und alles war sauber. Es roch gut. Alles war ordentlich.

Das fand ich schön.

Aber ich bekam das Drumherum nicht mehr mit.

Ich erlebte ihre Wutausbrüche nicht mehr. Den Druck nicht mehr. Ich sah nicht, was vorher passiert war.

Ich kam einfach in eine saubere Wohnung.

Und vielleicht konnte ich deshalb irgendwann etwas genießen, das mir als Kind auch Angst gemacht hatte.

Bis heute liebe ich Sauberkeit.

Das möchte ich auch gar nicht ändern.

Aber vielleicht habe ich noch etwas anderes mitgenommen:

Wenn alles ordentlich ist, ist alles in Ordnung.

Und vielleicht versuche ich deshalb manchmal, über meine Wohnung auch mein Leben zu kontrollieren.

Wenn alles sauber ist, fühlt sich meine Welt ein bisschen gerader an.

Wenn ich es nicht schaffe, taucht ziemlich schnell dieser alte Druck auf:

Du müsstest.

Du hast es wieder nicht geschafft.

Aber wer sagt das eigentlich?

Wer sagt, dass ich heute meine Wohnung aufräumen muss?

Wer sagt, dass ich im Urlaub mein Buch weiterschreiben muss?

Wer sagt, dass ich kreativ sein muss, nur weil ich endlich Zeit dafür habe?

Eigentlich niemand.

Heute ist es nicht mehr meine Mutter.

Heute mache ich mir diesen Druck selbst.

Und manchmal merke ich gar nicht, wie schnell das passiert.

Ich habe frei und mache aus meiner Freiheit schon wieder eine Liste mit Dingen, die ich erledigen muss.


Freiheit neu definieren

Dabei ist heute etwas ganz anders als früher:

Ich darf entscheiden.

Meine Wohnung wird sauber werden. Natürlich wird sie das. Ich kenne mich.

Aber nicht heute.

Heute gehe ich mit meiner Decke und meinem Hund aufs Sofa und gucke einen Film.

Morgen habe ich Urlaub.

Ich werde ausschlafen.

Und wenn ich ausgeschlafen habe, entscheide ich, wie ich meinen Tag gestalte.

Vielleicht räume ich auf.

Vielleicht male ich.

Vielleicht schreibe ich.

Vielleicht mache ich etwas ganz anderes.

Ich weiß es noch nicht.

Und ich muss es heute auch noch nicht wissen.

Während ich das schreibe, merke ich gerade, wie gut sich genau das anfühlt:

Ich lebe heute ein selbstbestimmtes Leben.

Manchmal brauche ich ganz schön viele Gedanken, um bei diesem eigentlich einfachen Satz anzukommen.

Aber wenn ich dort angekommen bin, fühlt es sich großartig an.


Also nehme ich jetzt meine Decke und meinen Hund und gehe aufs Sofa.

Die Wohnung kann warten.

Morgen schlafe ich aus.

Und danach entscheide ich.

Vielleicht ist genau das Freiheit.

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