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Warum Tiefenmut

Mut sich selbst zu begegnen

Dieses Wort ist irgendwann entstanden und heute fühlt es sich an, als hätte es schon lange zu mir gehört.

Denn Mut bedeutete für mich nie nur, stark zu sein, weiterzumachen, durchzuhalten und wieder aufzustehen.

Das konnte ich ziemlich gut.

Mein eigentlicher Mut begann dort, wo ich aufgehört habe, nur zu funktionieren, und angefangen habe hinzusehen.

Wo ich aufgehört habe, mich nur im Außen zu orientieren und ein Bild aufrechtzuerhalten, das nicht immer echt war.

Hin zu dem, was war.

Hin zu meinem Gefühl.

Und irgendwann, Gott sei Dank, auch hin zu mir. Ich habe eine Geschichte, die mich geprägt hat. Es gibt darin Gewalt, Angst, Verluste, Schweigen und Erfahrungen, die ein Kind niemals hätte machen sollen.

Aber das ist nicht meine ganze Geschichte.

Da ist auch dieses kleine Mädchen mit den blonden Locken, das lacht und spielt. Das seine Oma liebt, seinen großen Bruder liebt, Weihnachten aufregend findet und mit anderen Kindern draußen herumtobt.

Es gibt schöne Erinnerungen.

Es gibt schlimme Erinnerungen.

Und manchmal gibt es nur Bildfetzen. Ein Gefühl in meinem Körper, das bis heute geblieben ist.

Lange Zeit waren Bilder und Gefühle für mich nicht miteinander verbunden. Ich konnte vieles erzählen. Ich wusste viel über meine Geschichte. Ich habe viele Jahre Therapie gemacht, hingesehen, verstanden und aufgearbeitet.

Heute ist etwas anders.

Heute kann ich fühlen.

Ich kann eine Erinnerung ansehen und gleichzeitig wahrnehmen, was sie mit mir macht. Ich muss sie nicht mehr wegschieben. Ich muss sie aber auch nicht größer machen, als sie ist.

Und ich muss aus einem schönen Moment keinen schlechten machen, um zu beweisen, dass die Dinge, die mir passiert sind, nicht gut waren.

Beides darf nebeneinanderstehen.

Vielleicht ist genau das für mich Tiefenmut.

Der Mut, hinzusehen.

Der Mut, der eigenen Geschichte zu begegnen, ohne vorher zu wissen, was man dort findet.

Nicht nur dem Schmerz.

Auch der Liebe, der Freude, der Wut, der Trauer und der Sehnsucht.

Heute schreibe ich meine Geschichte auf.

Nicht, weil ich Psychologin bin. Ich bin keine. Ich kann niemandem sagen, wie Heilung funktioniert. Ich glaube auch nicht, dass es den einen richtigen Weg oder ein Rezept dafür gibt.

Ich kann nur meinen Weg erzählen.

Und vielleicht findet sich jemand darin wieder.

Nicht, weil dieser Mensch dieselbe Geschichte erlebt hat wie ich. Das muss er nicht.

Manchmal begegnen wir uns in den Geschichten anderer Menschen an Stellen, an denen unsere Biografien vollkommen verschieden sind.

Wir erkennen ein Gefühl.

Eine Angst. Ein Verhalten. Eine Sehnsucht. Vielleicht einen Gedanken, den wir selbst noch nicht aussprechen konnten.

Ich kenne das aus meinem eigenen Leben.

Auch ich habe Geschichten anderer Menschen gelesen und versucht, darüber meine eigene zu begreifen. Manchmal war es leichter, bei einem anderen Menschen hinzusehen als bei mir selbst.

Ich habe diese Literatur verschlungen.

Vielleicht kann meine Geschichte heute für jemanden ein solcher Ort sein.

Nicht als Anleitung.

Nicht als Antwort.

Vielleicht einfach als Begegnung.

Tiefenmut erzählt deshalb nicht nur von meiner Vergangenheit.

Tiefenmut ist auch mein heutiges Leben.

Ich habe schwierige Tage. Ich kenne Trauer. Ich kenne Momente, in denen ich denke: Ich kann gerade nicht mehr.

Aber ich muss ein Gefühl heute nicht mehr sofort beenden.

Ich darf es erst einmal da sein lassen. Ich darf spüren, wie es sich anfühlt. Ich darf schauen, was ich brauche und was mir guttut.

Ich darf mich schützen, wenn ich gerade Schutz brauche.

Ich darf lieben, ohne mich dabei zu verlieren.

Ich darf allein sein, ohne mich automatisch einsam zu fühlen.

Ich darf morgens mit einem Kaffee unter einer Decke auf der Couch liegen, meinen Gedanken nachhängen und irgendwann feststellen:

Heute bin ich zufrieden.

Nicht mit allem, was mir passiert ist.

Aber mit meinem Leben heute.

Und mit der Frau, die ich geworden bin.

Vielleicht ist das für mich die tiefste Bedeutung dieses Wortes.

Tiefenmut bedeutet nicht, keine Angst mehr zu haben.

Tiefenmut bedeutet für mich, den Mut zu haben, mir selbst zu begegnen.

Auch dort, wo es wehtut.

Und auch dort, wo es schön ist.

Und meiner Geschichte endlich den Raum zu geben, den sie so lange nicht haben durfte.

Das ist mein Tiefenmut.