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Ich sehe dich

Mein Weg zu mir 6 Min. Lesezeit

Ich sehe dich

Heute sehe ich dieses kleine Mädchen mit anderen Augen. Ich sehe seine Angst. Seine Traurigkeit. Und wie sehr ihm Schutz gefehlt hat. Heute kann ich etwas, das damals niemand für mich getan hat: Ich schaue hin. Ich bin da. Ich sehe dich.

Ich sehe dich

Wegschauen schützt kein Kind. Vielleicht berührt mich deshalb das Bild zu diesem Beitrag so sehr. Heute schaue ich hin. Ich sehe nicht mehr weg, wenn dieses kleine Mädchen traurig ist.

Aus dem Beitrag

Was bedeutet es eigentlich, wenn wir unserem inneren Kind wirklich gegenüberstehen?

Ich habe mich lange gefragt, wie es ist, wenn ich mir ganz bewusst vorstelle: Da ist dieses kleine Mädchen.

In mir gibt es verschiedene Versionen meiner selbst:

  • Das kleine Mädchen.
  • Den Teenager.
  • Die junge Frau.
  • Und die Frau von heute.

Alle vier gehören zu mir. Alle vier sind irgendwie in mir. Und manchmal fühlt es sich an, als wären sie auch neben mir.

Aktuell beschäftige ich mich beim Schreiben meines Buches sehr intensiv mit meinem inneren Kind. Mit dem kleinen Mädchen. Mit den blonden Locken. Den blauen Augen. Dem unschuldigen Blick.

Und je bewusster ich dieses Mädchen heute ansehe, desto mehr begreife ich, was dieses Kind tatsächlich durchmachen musste.


Würde ich es zulassen?

Manchmal stelle ich mir heute eine ganz einfache Frage: Wenn dieses Mädchen mein eigenes Kind wäre – würde ich zulassen wollen, dass ihm all das passiert?

Nein. Ich würde mich schützend vor dieses Kind stellen. Ich würde dafür sorgen, dass seine Grenzen nicht überschritten werden.

Und vielleicht trifft mich gerade deshalb heute so sehr die Erkenntnis, dass dieses kleine Mädchen diesen Schutz nicht hatte.

Ich hatte nicht die Mutter, die ich gebraucht hätte.

Aber es war auch nicht nur meine Mutter. Ich hatte keine Eltern, die mich geschützt haben.

Wir Geschwister sind in einer dysfunktionalen Familie großgeworden. Heute haben wir uns nichts mehr zu sagen. Einer wurde zum Täter. Jeder von uns hat seinen eigenen Umgang mit dieser Familie und unserer gemeinsamen Geschichte gefunden.

Ich kann dabei nur meine eigene Geschichte erzählen.

Und erst heute begreife ich langsam das Ausmaß dessen, in welcher Not sich dieses kleine Mädchen manchmal befunden hat. In welcher Gefahr es lebte. Was es aushalten musste.

Heute würde ich dieses kleine Mädchen als Überlebende bezeichnen. Denn es gab Situationen, in denen sein Leben hätte anders ausgehen können.

Und diese Erkenntnis tut weh.


Wegschauen

Schutz bedeutet für mich heute aber noch etwas anderes. Nicht nur, dass jemand sich vor ein Kind stellt, wenn ihm unmittelbar etwas passiert. Schutz bedeutet auch hinzusehen.

Und genau dieses Hinsehen hat mir gefehlt.

In unserer Familie wurde viel weggeschaut. Vieles durfte nicht nach außen dringen. Das Bild, das nach außen entstand, sollte nicht beschädigt werden.

Und manchmal frage ich mich heute, wie viele Menschen etwas gesehen haben. Wie viele etwas gespürt haben. Wie viele vielleicht gemerkt haben, dass bei uns etwas nicht stimmte.

Ich weiß nicht, was andere tatsächlich wussten. Und ich möchte ihnen heute auch kein Wissen unterstellen, das sie vielleicht nicht hatten.

Aber ich weiß, dass ich mich als Kind nicht gesehen und nicht geschützt gefühlt habe. Niemand kam und sagte:

Was passiert hier eigentlich mit diesem Kind?

Niemand nahm mich aus dieser Situation heraus.

Heute weiß ich, dass auch das fehlender Schutz war.

Wegschauen schützt kein Kind.

Vielleicht berührt mich deshalb das Bild zu diesem Beitrag so sehr.

Heute schaue ich hin.

Ich sehe nicht mehr weg, wenn dieses kleine Mädchen traurig ist.

Ich beschönige nicht, was ihm passiert ist, damit das Bild nach außen stimmt.

Ich muss seine Geschichte nicht mehr verstecken.

Heute bekommt dieses Mädchen etwas, das ihm damals so oft gefehlt hat: Jemand sieht hin.

Und diese Person bin heute auch ich.


Ich habe sie lange nicht gesehen

Vielleicht ist eine der schmerzhaftesten Erkenntnisse für mich, dass ich dieses Mädchen auch später selbst lange nicht wirklich sehen konnte.

Ich lebte weiter. Ich funktionierte. Und ich nahm vieles aus meiner Geschichte einfach mit: Muster, Ängste, Reaktionen.

Ich habe mein Trauma in vielerlei Hinsicht weitergelebt, ohne wirklich zu begreifen, was da eigentlich geschieht.

Vielleicht wollte ich manchmal auch die Verantwortung für mein eigenes Leben nicht vollständig übernehmen. Nicht, weil mein Leben mir egal gewesen wäre, sondern weil ich Angst hatte vor der Gefühlswelle, vor dem Zusammenbrechen, vor diesem Gedanken:

Was, wenn ich es nicht schaffe?

Vielleicht war das Wegschauen auch für mich lange eine Möglichkeit, weiterzuleben. Nicht hinzusehen. Nicht alles zu fühlen. Weiterzumachen. Zu funktionieren. Bis ich irgendwann hinschauen konnte.


Trauer

Und heute sitze ich hier und schreibe darüber. Mir laufen dabei die Tränen über die Wangen. Da ist eine unfassbare Traurigkeit.

Aber diese Traurigkeit fühlt sich anders an. Ich betrauere heute etwas, das ich viele Jahre nicht wirklich betrauern konnte.

Ich betrauere dieses kleine Mädchen. Was ihm passiert ist. Was ihm gefehlt hat. Dass niemand da war, der sich zuverlässig vor ihr gestellt und gesagt hat:

Bis hierhin. Und nicht weiter.

Vielleicht muss ich diese Traurigkeit heute gar nicht mehr wegmachen.

Sie darf da sein. Die Tränen dürfen da sein.

Denn gleichzeitig kann ich heute etwas, das ich früher nicht konnte: Ich kann dieses Mädchen ansehen. Nicht nur sein Leid. Nicht nur das, was ihm passiert ist.

Ich sehe das Mädchen.

Und ich kann liebevoll auf es schauen.


Heute bin ich da

Vielleicht bedeutet das Bild zu diesem Beitrag deshalb gerade so viel für mich.

Die erwachsene Frau nimmt das kleine Mädchen in den Arm. Heute kann ich das.

Ich kann mich zu ihm stellen. Ich kann es halten. Ich kann seine Traurigkeit aushalten.

Und ich kann ihm etwas geben, das ihm damals so oft gefehlt hat: Schutz.

Heute bin ich die Erwachsene.

Heute darf ich entscheiden, wer meine Grenzen überschreiten darf.

Heute darf ich gehen.

Heute darf ich Nein sagen.

Heute darf ich mich schützen.

Und ich darf dieses kleine Mädchen schützen.

Ich bin in meinem Leben angekommen.

Und als die Frau, die ich heute bin, lerne ich dieses Mädchen immer besser kennen.

Ich kann es heute gut annehmen mit seiner Angst, mit seiner Traurigkeit, mit seinem Schweigen, aber auch mit allem anderen, was dieses Mädchen ausgemacht hat.

Ich muss es nicht mehr übersehen.

Ich muss seine Geschichte nicht mehr verstecken.

Und vielleicht muss ich ihm auch gar nicht versprechen, dass es nie wieder Angst haben wird.

Vielleicht reicht etwas anderes: Dass ich heute hinschaue. Dass ich seine Angst ernst nehme. Dass ich seine Traurigkeit nicht mehr wegschiebe. Dass ich nicht mehr von ihm verlange, einfach weiterzumachen.

Ich habe verstanden.

Vielleicht erst sehr spät.

Aber ich habe verstanden.

Und heute kann ich dieses kleine Mädchen ganz liebevoll in den Arm nehmen und ihm sagen:

Ich bin jetzt da. Ich sehe dich.

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