Nicht genug!
Ich wusste nie, was mir eigentlich fehlte. Also suchte ich in mir. Noch besser. Noch schneller. Noch schlauer. Noch hilfreicher. Vielleicht musste ich nur herausfinden, was ich sein musste, um endlich genug zu sein. Heute weiß ich: Ich musste nie etwas werden. Ich war längst genug.
Nicht genug
Ich muss nicht besonders sein, um genug zu sein. Ich muss nichts leisten, um genug zu sein. Ich muss niemanden retten, um genug zu sein.
Dieses Gefühl, nicht genug zu sein, ist alt.
Ich bin in einer Welt groß geworden, in der ich nie genug sein konnte. Dabei habe ich als kleines Mädchen wahrscheinlich gar nicht verstanden, was mir eigentlich fehlen sollte.
Also suchte ich in mir. Was müsste ich verändern? Wie müsste ich sein?
Meine Mutter war sehr auf das Außen bedacht. Das Bild nach außen war für sie das A und O.
Was tatsächlich innerhalb unserer Familie geschah, sollte dort bleiben. Es sollte verschwiegen werden, nicht nach außen dringen und schon gar nicht an die Oberfläche kommen.
Was es mit uns Kindern machte, spielte dabei keine Rolle. Wichtig war, dass das Bild nach außen bestehen blieb.
Wenn unsere Familie schon keine Bilderbuchfamilie war, dann sollten wenigstens die Kinder etwas Besonderes sein.
Wir sollten etwas leisten. Etwas darstellen. Etwas sein, von dem man erzählen konnte.
Und vor allem etwas, von dem sie erzählen konnte.
Wenn ich später beruflich meinen eigenen Weg ging und etwas erreichte, hatte meine Mutter wieder etwas zu erzählen.
Es ging ihr nie um den Stolz auf mich.
Sie hatte wieder etwas für das Außen.
Die unsichtbare Messlatte
Mein großer Bruder war das besondere Kind. Seine Position konnte ich nicht erreichen.
Andere wurden mir ebenfalls vorgehalten.
Guck doch mal.
Und ich guckte.
Und suchte wieder bei mir. Was fehlt mir? Was muss ich noch tun?
Noch besser. Noch schneller. Noch schlauer.
Noch nicht genug.
Die Zeiten, in denen ich wichtig war
Und dann gab es die anderen Zeiten.
Zeiten, in denen ich plötzlich wichtig wurde.
Wenn meine Mutter getrunken hatte. Wenn es ihr schlecht ging. Wenn sie Halt, Hilfe oder jemanden brauchte, der Verantwortung übernahm.
Dann waren wir Kinder gut genug.
Vielleicht sogar unentbehrlich.
Wir waren gut genug, wenn es ihr schlecht genug ging.
Ich war 18, als meine kleine Schwester geboren wurde.
Ich war selbst gerade schwanger mit einem kleinem Menschen in mir.
Und trotzdem gehörte es zu meinem Leben, auch Verantwortung für dieses kleine Kind zu übernehmen.
Damals stellte ich mir wahrscheinlich nicht die Frage, warum eigentlich.
Ich machte.
Das konnte ich gut. Da sein. Helfen. Verantwortung übernehmen. Auffangen.
Gebraucht werden heißt wichtig sein
Vielleicht hatte ich längst gelernt, dass Nähe auch damit zu tun haben konnte, gebraucht zu werden.
Ich muss gebraucht werden, um wichtig zu sein.
Heute sehe ich, wie lange mich dieser Satz begleitet hat.
Denn Hilfe kann verbinden. Geld kann verbinden. Großzügigkeit kann verbinden. Schuld kann verbinden.
Und manchmal sieht etwas von außen wie Fürsorge aus, während sich im Inneren längst eine Verpflichtung gebildet hat.
Man nimmt etwas an.
Und irgendwann fühlt es sich an, als müsse man dafür etwas zurückgeben.
Nähe vielleicht. Loyalität. Verfügbarkeit. Schweigen.
So können Bindungen entstehen, aus denen es unglaublich schwer wird auszusteigen.
Auch ich habe lange gebraucht.
Der Weg der Loslösung
Ich war über 40, als ich begann, mich wirklich aus der Beziehung zu meiner Mutter zu lösen.
Bis dahin gab es Nähe und Distanz. Gehen und Zurückkehren. Immer wieder.
Und jedes Mal, wenn ich mich entfernte, hatte das nicht nur Auswirkungen auf mich.
Denn wenn ein Mensch aus einem alten Gefüge aussteigt, verändert sich das Gefüge auch für die anderen.
Das verstehe ich heute.
Vielleicht kann sich Selbstschutz für einen anderen Menschen sogar wie Verlassenwerden anfühlen.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Ein Mensch kann darunter leiden, dass ich nicht mehr da bin.
Und ich kann trotzdem nicht mehr da sein, ohne mich selbst zu verlieren.
Lernen, für mich selbst zu sorgen
Irgendwann musste ich etwas lernen, das ich als Kind nicht gelernt hatte:
Mich um mich selbst zu kümmern.
Nicht erst dann, wenn alle anderen versorgt sind. Nicht erst dann, wenn niemand mehr etwas von mir braucht. Nicht erst dann, wenn ich die Erlaubnis dafür bekomme.
Während ich heute meine Erinnerungen aufschreibe, entdecke ich solche alten Sätze.
Manchmal liegen sie zwischen den Zeilen. Manchmal hinter einem Bild, einem Geruch oder einem Gefühl.
Und manchmal erkenne ich plötzlich:
Ach, da kommst du her.
Heute weiß ich
Ich muss nicht besonders sein, um genug zu sein.
Ich muss nichts leisten, um genug zu sein.
Ich muss niemanden retten, um genug zu sein.
Und ich muss auch nicht gebraucht werden, um wichtig zu sein.
Ich darf Grenzen haben.
Ich darf gehen.
Ich darf für mich sorgen.
Der alte Satz gehört zu meiner Geschichte:
Ich bin nicht genug.
Aber heute bestimmt er mich nicht mehr.
Heute weiß ich, wer ich bin.
Kommentare
Diskussion zum Beitrag
0 freigegebene Kommentare
Anmelden, um zu kommentieren
Für Kommentare ist ein Benutzerkonto nötig. Nach dem Login kannst du direkt unter dem Beitrag schreiben.