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Die frühen Jahre

Erinnerungen 7 Min. Lesezeit

Die frühen Jahre

Manche Erinnerungen kommen nicht als ganze Geschichte zurück. Sie kommen in Bildern, Gerüchen und Gefühlen. Meine frühen Jahre beginnen mit einem kleinen Mädchen, seinen Puppen und einer Tür, die besser geschlossen blieb.


Das kleine Mädchen

Ich möchte keine Erinnerungen erfinden, die ich nicht habe. Ich kann nur erzählen, was geblieben ist.

Aus dem Beitrag

Da ist dieses kleine blonde Mädchen.

Hellblonde Locken, ein schmales, sanftes Gesicht und sehr blaue Augen. Lebendige Augen. Fast ein bisschen wie ein Puppengesicht.

Sie wirkt schüchtern.

Und aufmerksam.

Sehr aufmerksam.

Vielleicht auch ein bisschen zerbrechlich.


Die Puppenmama

Sie spielt mit ihren Puppen. Sie liebt ihre Puppen. Sie ist eine Puppenmama.

Da ist dieser Puppenwagen, in den sie ihre Puppen legt. Sie fährt mit ihnen durch den großen Raum, legt sie schlafen, nimmt sie in den Arm und ist ganz in ihrer Welt.

Sie ist allein.

Aber allein zu sein ist nicht nur einsam.

Allein zu sein bedeutet Freiheit.

Wenn die Tür geschlossen ist und niemand da ist, kann sie einfach spielen. Dann ist sie bei sich. Dann muss sie für einen Moment auf nichts anderes achten.


Der große Raum und der Duft

Da ist dieser große Raum.

Ich weiß heute nicht mehr, ob es ein Wohnzimmer oder vielleicht ein Schlafzimmer war. In meiner Erinnerung war er groß und ruhig. Irgendwo stand etwas, das wie ein Schminktisch aussah. Dort waren Dinge von Erwachsenen. Kosmetika. Cremes. Vielleicht eine Seife.

Und da war dieser Duft.

Diesen Duft kann ich heute noch fühlen.

Pudrig. Frisch. Sauber.

Er roch nach Erwachsensein.

Das kleine Mädchen mochte diesen Geruch.

Sie ging hin. Obwohl sie wusste, dass sie vielleicht nicht an diese Sachen durfte. Sie nahm etwas davon. Eine Seife oder eine Creme, ich weiß es nicht mehr. Sie roch daran.

Es fühlte sich gut an.

Sie war neugierig.


Die unsichtbare Gefahr

Und gleichzeitig war da immer etwas anderes.

Etwas in diesem Raum.

Eine Gefahr.

Das kleine Mädchen hätte dieses Wort wahrscheinlich nicht benutzt. Sie wusste nicht, was dieses Gefühl war. Sie hätte nicht sagen können, warum etwas nicht stimmte.

Aber sie spürte es.

Sie musste hören.

War da ein Geräusch?

Kam jemand?

Die Tür war noch zu.

Also spielte sie weiter.


Die Puppe mit den schwarzen Locken

Sie hatte eine Puppe mit schwarzen Locken. Die Haare waren etwas länger, vielleicht gingen sie über die Schultern. Wie groß die Puppe war, weiß ich nicht mehr. Vielleicht 25 Zentimeter. Sie war jedenfalls groß genug, dass das kleine Mädchen sie gut in den Arm nehmen konnte.

Irgendwann schnitt sie ihr die Haare ab.

Einfach ab.

Sie wollte etwas ausprobieren. Vielleicht wollte sie sie schön machen.

Die Haare waren ab.

Und irgendwie fühlte sich das gut an.


Das Experimentieren mit den Puppen

Es blieb nicht bei den Haaren.

Das kleine Mädchen machte einiges mit seinen Puppen.

Sie malte sie an.

Sie riss ihnen Arme und Beine aus.

Manchmal legte sie mehrere Puppen nebeneinander und zog ihnen die Beine heraus. Sie wollte die Beine tauschen.

In ihrer kindlichen Vorstellung war das ganz einfach.

Bein raus.

Anderes Bein rein.

Und danach würde sie alles wieder zusammenmachen.

Aber so funktionierte es nicht.

Die Beine gingen nicht wieder dran.

Sie probierte es.

Vielleicht passte dieses Bein an die andere Puppe.

Nein.

Auch nicht.

Und irgendwann lagen dort ihre Puppen und ihre Beine und Arme.


Verzweiflung und Aufmerksamkeit

Jetzt kam die Verzweiflung.

Nicht nur, weil die Puppen kaputt waren.

Sie wusste, dass es Ärger geben würde.

Sie musste sie wieder heilmachen.

Irgendwie.

Schnell.

Bevor jemand kam.

Und plötzlich war sie wieder da.

Diese Aufmerksamkeit.

Dieses Lauschen.

Die Tür war geschlossen.

Noch.

Solange die Tür geschlossen war, gehörte dieser Raum für einen Moment dem kleinen Mädchen.

Hier konnte sie Puppenmama sein.

Hier konnte sie Dinge ausprobieren, die in ihrem Kopf vollkommen logisch waren.

Hier konnte sie neugierig sein.

An den Sachen der Erwachsenen riechen.

Puppenbeine tauschen.

Haare abschneiden.

Spielen.

Einfach spielen.

Hier konnte sie Kind sein.

Und trotzdem war die Gefahr da.

Nicht sichtbar.

Nicht greifbar.

Das kleine Mädchen hätte nicht erzählen können, was da in der Luft lag.

Es gab keine Worte dafür.

Nur dieses Gefühl.


Die Tür öffnet sich

Und dann ging die Tür auf.

Die Tür ging auf.

Und das kleine Mädchen wusste:

Jetzt gibt es Ärger.


Erinnerung und Gefühl

Die Puppe mit den abgeschnittenen schwarzen Locken habe ich danach nie wiedergesehen.

Wenn ich sie heute ansehe

Heute bin ich die erwachsene Frau und schaue auf dieses kleine Mädchen.

Und ich würde sie so gerne nehmen.

Ich würde sie gerne ansehen und einfach fragen:

Was ist passiert?

Aber sie erzählt es mir nicht.

Ich habe keine vollständige Szene. Keine Geschichte, die ich einfach aus meiner Erinnerung holen könnte. Vieles aus diesen frühen Jahren ist nicht mehr da.

Was geblieben ist, sind Bilder.

Der Puppenwagen.

Die Puppen.

Die schwarzen Locken.

Die Beine, die nicht wieder an die Puppen wollten.

Dieser pudrige, saubere Duft.

Der große Raum.

Die geschlossene Tür.

Und dieses Gefühl.

Diese verdammte Gefahr.


Das schutzbedürftige Mädchen

Wenn ich heute in die blauen Augen dieses kleinen Mädchens schaue, macht mich das traurig. Sehr traurig.

Der Blick verrät mir nicht viel.

Und gleichzeitig sagt er mir so viel.

Sie wirkt schutzbedürftig.

Verdammt noch mal, dieses kleine Mädchen wirkt auf mich einfach schutzbedürftig.

Sie brauchte Hilfe.


Keine Erinnerung erfinden

Ich kann heute nicht jede Lücke füllen. Und ich möchte es auch nicht.

Ich möchte keine Erinnerungen erfinden, die ich nicht habe. Ich möchte keine Bilder suchen, die vielleicht aus gutem Grund nicht mehr da sind.

Ich kann nur erzählen, was geblieben ist.

Heute weiß ich, dass dieses kleine Mädchen schon sehr viel tragen musste, was ein Kind niemals hätte tragen sollen.


Das kleine Mädchen einfach sein lassen

Aber wenn ich zu ihr zurückgehe, möchte ich sie nicht analysieren.

Ich möchte sie erst einmal einfach sein lassen.

Das schüchterne kleine Mädchen.

Die Puppenmama.

Das neugierige Kind, das an der Seife der Erwachsenen roch.

Das Mädchen, das seinen Puppen die Haare abschnitt, sie anmalte und ihnen Arme und Beine ausriss, weil es glaubte, es könne sie anschließend einfach wieder zusammensetzen.

Das Kind, das spielte.

Das Kind, das frei sein konnte.

Und das Kind, das gleichzeitig immer wieder lauschte.


Erinnerungen und Gefühle

Ich weiß nicht mehr alles, was geschehen ist.

Aber ich erinnere mich an dieses Gefühl.

Ich erinnere mich an die Gefahr.

Und ich erinnere mich daran, wie es sich anfühlte, wenn die Tür aufging.


Traurigkeit und Frage

Und jetzt sitze ich hier.

Während ich über dieses kleine Mädchen schreibe, laufen mir die Tränen übers Gesicht.

Nicht, weil plötzlich eine neue Erinnerung gekommen ist.

Da ist kein weiteres Bild. Keine Szene, die mir erklärt, was damals passiert ist.

Da ist einfach dieses Gefühl.

Diese unendliche Traurigkeit.

Ich schaue auf dieses kleine Mädchen und möchte es einfach nur nehmen. Ich möchte es festhalten und fragen: Was ist passiert? Was hast du erlebt?

Aber sie antwortet mir nicht mit Bildern.

Sie hinterlässt mir nur dieses Gefühl.


Sie brauchte Schutz

„Verdammt noch mal, sie brauchte Schutz.“


Gefühle statt Bilder

Nicht alles braucht eine Erinnerung.

Nicht jede Wahrheit hat Bilder.

Manches bleibt als Gefühl.

Tief im Körper. Ohne Worte. Ohne Anfang. Ohne eine Geschichte, die ich erzählen könnte.

Und trotzdem ist es da.

Diese Traurigkeit. Diese Angst. Dieses Wissen, dass etwas nicht gut war.


Wahrheit im Gefühl

Ich muss keine Bilder finden, um mein Gefühl ernstzunehmen.

Vielleicht ist manches längst verschwunden.

Vielleicht durfte es gehen.

Doch was geblieben ist, darf heute da sein.

Nicht als Beweis für das, was geschah.

Sondern als Wahrheit darüber, wie es sich anfühlte.

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Kommentare

Diskussion zum Beitrag

1 freigegebene Kommentare

Martin Fritz Jacobs 07.09.2026

Liebe Marion, Du hast einen wunderbaren Stil und ich kann es kaum erwarten, Dir weiter zu folgen, obwohl ich schon ahne, dass es gruselig wird. Schreibe bitte auf jeden Fall weiter, auch wenn es zehn Jahre dauert. Ich bin in Gedanken und mit meiner Seele bei Dir! MFJ

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