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Wenn ich kontrolliere, erwischt es mich nicht so kalt

Angst & innere Muster 4 Min. Lesezeit

Wenn ich kontrolliere, erwischt es mich nicht so kalt

Ich habe früh gelernt, genau hinzuhören. Zu beobachten. Stimmungen zu lesen. Nicht, weil ich neugierig war. Sondern weil ich wissen musste, ob Gefahr kommt. Kontrolle konnte mich nicht schützen aber sie ließ mich glauben, vorbereitet zu sein.

Kontrolle als Sicherheit

Wenn ich kontrolliere, erwischt es mich nicht so kalt.

Aus dem Beitrag

Kontrolle war lange ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Heute denke ich darüber nach, weil ich mich immer sichtbarer mache. Ich schreibe meine Geschichte. Ich veröffentliche Teile davon. Menschen lesen sie. Menschen sehen mich. Manche kenne ich, manche nicht.

Und ich kann nicht kontrollieren, was sie über mich denken.

Allein dieser Gedanke hätte früher wahrscheinlich sehr viel mehr mit mir gemacht als heute.

Denn Kontrolle bedeutete für mich lange Sicherheit. Oder vielleicht sollte ich genauer sagen: Sie gab mir das Gefühl von Sicherheit.

Das kleine Mädchen und die Suche nach Regeln

Ich glaube, das begann schon sehr früh.

Als Kind habe ich versucht, meine Umgebung zu lesen. Ich habe beobachtet. Zugehört. Stimmungen wahrgenommen. Ich wollte wissen, was als Nächstes passiert.

  • Wie schaut sie?
  • Wie spricht sie?
  • Wie muss ich mich bewegen?
  • Bin ich zu laut?
  • Schaue ich gerade falsch?
  • Darf ich mich freuen?
  • Kann ich einfach spielen und für einen Moment vergessen, vorsichtig zu sein?
  • Oder gibt es irgendetwas an mir, das gleich wieder etwas auslöst?

Ich glaube, ich habe nach Regeln gesucht. Denn wenn es Regeln gegeben hätte, hätte ich sie lernen können. Ich hätte mich daran halten können. Ich hätte gewusst: Wenn ich dieses tue und jenes lasse, bin ich sicher.

Aber diese Verlässlichkeit gab es nicht.

Manchmal wusste ich, dass etwas kommen könnte. Eine schlechte Schulnote zum Beispiel. Ich war noch in der Grundschule und hatte eine unfassbare Angst davor, schlechte Noten zu Hause zu zeigen.

Nicht die normale Angst eines Kindes vor Ärger. Ich wusste, dass etwas passieren konnte.

Und manchmal wusste ich überhaupt nicht, was ich falsch gemacht hatte.

Die Wut meiner Mutter war für mich als Kind nicht berechenbar. Ich wusste nicht, warum etwas, das ich getan, gesagt oder vielleicht auch nur durch einen Blick ausgedrückt hatte, eine solche Reaktion auslösen konnte.

Kontrolle als Vorbereitung auf Unberechenbarkeit

Also beobachtete ich. Ich versuchte vorauszuahnen. Ich versuchte vorbereitet zu sein.

Kontrolle konnte die Gewalt nicht verhindern. Sie machte den Schmerz nicht kleiner. Sie änderte nichts daran, was mit mir geschah.

Aber sie gab mir manchmal ein paar Sekunden Vorsprung.

Das Gefühl, wenigstens ungefähr zu wissen, was kommen könnte.

Wenn ich kontrolliere, erwischt es mich nicht so kalt. Vielleicht war das lange der eigentliche Sinn meiner Kontrolle.

Das kleine Mädchen wollte nicht bestimmen, was andere Menschen tun. Es wollte herausfinden, nach welchen Regeln es überleben konnte.

Und dieses kleine Mädchen wurde erwachsen.

Kontrolle und Unsicherheit im Erwachsenenleben

Die Kontrolle ging mit. Ich nahm sie mit in mein Leben, in meine Beziehungen und in Situationen, in denen ich nicht wusste, was ein anderer Mensch gerade tat oder dachte.

Nichtwissen konnte ich nur schwer aushalten.

Ich wollte wissen. Ich wollte verstehen. Ich wollte mich vorbereiten.

Denn irgendwo in mir gab es offenbar noch lange diese alte Gleichung:

Wenn ich weiß, was kommt, bin ich sicherer.

Heute: Unterschied zwischen Sicherheit und Kontrolle

Heute sehe ich das anders.

Nicht, weil ich plötzlich alles loslassen kann. Nicht, weil Unsicherheit mir nichts mehr ausmacht. Und auch nicht, weil alte Ängste verschwunden wären.

Aber ich beginne zu verstehen, dass Sicherheit und Kontrolle nicht dasselbe sind.

Ich kann heute einen Menschen lieben, ohne jede seiner Bewegungen kennen zu müssen.

Ich kann Unsicherheit spüren, ohne sie sofort wegmachen zu müssen.

Ich kann etwas von mir zeigen, ohne vorher zu wissen, wie es aufgenommen wird.

Das große Loslassen: Die eigene Geschichte erzählen

Und gerade mache ich etwas, das für mich vielleicht viel größer ist, als es von außen aussieht:

Ich erzähle meine Geschichte. Öffentlich.

Ich weiß nicht, wer sie liest. Ich weiß nicht, wer meine Videos sieht. Ich weiß nicht, was Menschen danach über mich denken, ob sie mich verstehen, mich mögen, mich bewerten oder weitergehen.

Ich habe keine Kontrolle darüber.

Und ich erzähle trotzdem weiter.

Fazit: Loslassen bedeutet nicht, nie wieder Kontrolle zu brauchen

Vielleicht bedeutet Loslassen für mich deshalb nicht, nie wieder Kontrolle zu brauchen.

Vielleicht bedeutet es, nicht mehr alles kontrollieren zu müssen, um mich sicher zu fühlen.

Denn heute gibt es etwas, das das kleine Mädchen noch nicht hatte:

Mich.

Ich kann nicht dafür sorgen, dass mich nie wieder etwas kalt erwischt.

Aber ich kann mir heute zutrauen, dass ich damit umgehen kann, wenn es passiert.

Vielleicht brauche ich deshalb nicht mehr ständig das Ohr an der Tür.

Ich darf sie heute selbst öffnen.

Und schauen, was dahinter ist.

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