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Wenn alte Dynamiken wieder anklopfen

Angst & innere Muster 5 Min. Lesezeit

Wenn alte Dynamiken wieder anklopfen

Manche alten Dynamiken verschwinden nicht. Aber heute kann ich entscheiden, ob sie mich noch führen dürfen.

Heute wäre eigentlich ein guter Tag gewesen, um an meinem Buch weiterzuschreiben.

Vielleicht geht es irgendwann nicht mehr darum, dass sie verschwinden. Vielleicht geht es darum, dass sie mich nicht mehr führen.

Aus dem Beitrag

Ich hatte mich richtig darauf gefreut. Die letzten Tage konnte ich Kraft tanken und hatte das Gefühl, wieder bereit zu sein, mich meinen Erinnerungen zuzuwenden.

Aber manchmal kommt der Tag anders, als man ihn geplant hat.

Heute kam etwas dazwischen, das mich emotional sehr getroffen hat. Etwas aus meiner Familie. Etwas, das alte Gefühle berührt und mir gleichzeitig gezeigt hat, dass manche Familiendynamiken nicht einfach verschwinden, nur weil man irgendwann beschlossen hat, aus ihnen auszusteigen.

Und plötzlich war sie da.

Wut

Wut darf da sein

Ich möchte meine Wut gar nicht beschönigen oder kleinreden.

Ich war richtig wütend.

Und vielleicht ist genau das etwas, was ich inzwischen gelernt habe: Wut ist ein wichtiger Bestandteil meiner Gefühle. Ich muss sie nicht wegdrücken. Ich muss mich für sie nicht schämen und ich muss auch nicht so tun, als wäre ich längst über allem erhaben.

Ich darf wütend sein.

Aber ich muss aus dieser Wut heraus nicht handeln.

Früher hätte mich so ein Gefühl wahrscheinlich sehr viel stärker mitgerissen. Ich hätte reagiert, mich gerechtfertigt, versucht zu erklären oder dafür gekämpft, gesehen und verstanden zu werden.

Heute merke ich die Wut und kann sagen:

Ja, du bist da.

Ich spüre dich.

Aber ich muss dir nicht folgen.

Vielleicht ist das gerade einer meiner wichtigsten Schritte.


Was von früher in uns weiterlebt

Wir tragen wahrscheinlich alle irgendwelche Anteile unserer Eltern in uns. Auch die, die wir gar nicht haben wollen.

Bei manchen meiner eigenen Anteile wehre ich mich innerlich dagegen. Vielleicht gerade deshalb, weil ich weiß, wie sich unkontrollierte Wut in meiner Kindheit angefühlt hat.

Ich weiß, wie meine Mutter mit Wut umgegangen ist.

Sie hat gehandelt.

Oft unkontrolliert und ohne darüber nachzudenken, was ihr Handeln bei anderen Menschen auslöst.

Und vielleicht liegt genau hier heute der Unterschied.

Ich kann meine Wut sehen, ohne sie weiterzugeben.

Ich kann ihr begegnen, ohne sie zu bekämpfen.

Und ich kann entscheiden, was ich mit ihr mache.

Das fühlt sich gerade ziemlich wertvoll an.


Unter der Wut liegt etwas anderes

Denn wenn die erste Wut ein wenig leiser wird, merke ich, dass darunter noch etwas anderes liegt.

Traurigkeit.

Eine unfassbare Traurigkeit.

Vielleicht auch dieses alte Gefühl, nicht gesehen zu werden.

Und plötzlich merke ich, wie schnell ich anfangen könnte, mich zu erklären. Mich zu rechtfertigen. Dinge richtigzustellen. Zu erzählen, warum ich damals so gehandelt habe, wie ich gehandelt habe.

Aber wem möchte ich eigentlich etwas beweisen?

Und was würde passieren, wenn jemand meine Geschichte trotzdem anders sieht?

Vielleicht gar nichts.

Der andere Mensch darf seine Geschichte haben.

Und ich darf meine haben.

Das bedeutet nicht, dass mich seine Sicht nicht verletzen darf. Es bedeutet auch nicht, dass ich alles annehmen muss, was ein anderer Mensch mir zuschreibt.

Ich darf unterscheiden.

Was gehört zu mir?

Wofür trage ich Verantwortung?

Und was gehört nicht zu mir?

Ich muss nicht mehr darum kämpfen, gesehen zu werden.

Vielleicht liegt genau darin heute meine eigentliche Erkenntnis.

Ich muss nicht mehr kämpfen und sagen:

Sieh mich doch endlich.

Versteh doch, warum ich so gehandelt habe.

Glaub mir doch.

Denn ich sehe mich heute selbst.

Und ich glaube mir.

Das klingt vielleicht nach einem kleinen Unterschied. Für mich ist es ein riesiger.

Es bedeutet nicht, dass mir andere Menschen egal sind. Und es bedeutet auch nicht, dass ich keine Fehler gemacht habe.

Natürlich habe ich Fehler gemacht.

Ich darf Verantwortung dafür übernehmen, wenn ich einen Menschen verletzt habe. Aber ich muss keine Verantwortung für Dinge übernehmen, die niemals meine Verantwortung waren.

Und ich muss mich auch nicht selbst verlieren, damit ein anderer Mensch sich von mir gesehen fühlt.

Das fällt mir noch immer nicht leicht.

Aber heute kann ich es sehen.


Die Geschichte wirkt nach

Manchmal habe ich das Gefühl, meine Geschichte hört einfach nie auf.

Ich habe Entscheidungen getroffen. Ich habe Grenzen gezogen. Ich habe mich aus Dingen gelöst, die mir nicht guttun.

Und trotzdem können alte Dynamiken plötzlich wieder vor mir stehen.

Vielleicht verschwinden sie auch gar nicht vollständig.

Vielleicht geht es irgendwann nicht mehr darum, dass sie verschwinden.

Vielleicht geht es darum, dass sie mich nicht mehr führen.

Ich kann heute spüren, was etwas mit mir macht. Ich kann wütend werden. Ich kann traurig werden. Ich kann weinen.

Und dann kann ich entscheiden, was ich damit mache.

Heute entscheide ich mich dafür, nicht zu reagieren.

Ich werde meine Wut nicht wegschieben. Ich werde auch meine Traurigkeit nicht wegschieben.

Ich nehme beides mit.

Und jetzt gehe ich mit meinem Hund spazieren.

Ich werde laufen, meine Gedanken ein bisschen sortieren und schauen, was am Ende noch übrig bleibt.

Vielleicht ist das heute mein Tiefenmut:

Nicht keine Wut mehr zu haben.

Nicht unverletzbar zu sein.

Sondern alte Dynamiken noch zu spüren, ohne mich von ihnen leiten zu lassen.

Und ich glaube, das kann ich heute für mich so stehenlassen.


Vielleicht noch ein kleiner Gedanke: Ich habe ein Medium gefunden, und das ist meine Kreativität und mein Schreiben. Dafür bin ich unendlich dankbar ❤️

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