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Wie lange dauert eine Geschichte

Worte die bleiben 5 Min. Lesezeit

Wie lange dauert eine Geschichte

Wie lange braucht man, um ein Leben zu erzählen? Vielleicht ein Jahr. Vielleicht zwei. Vielleicht viel länger. Während ich mich heute in die Erinnerungen eines kleinen Mädchens schreibe, merke ich, wie anders sich mein Leben im Hier und Jetzt anfühlt. Zwischen alten Bildern, neuer Ruhe und der Erkenntnis, dass Zeit vielleicht gar nicht mein Gegner ist.

Wie lange dauert eine Geschichte?

Heute Morgen habe ich mich gefragt, wie lange ich wohl brauchen werde, um mein Buch fertigzuschreiben. Ein Jahr? Zwei Jahre? Vielleicht länger?

Ein schöner Moment muss heute nicht schlecht werden, damit das Schlimme wahr sein darf. Und eine schlimme Erinnerung nimmt mir nicht die schönen Momente, die es auch gegeben hat.

Aus dem Beitrag

Ich habe ungefähr 3.000 Wörter geschrieben und befinde mich noch immer irgendwo zwischen meinem vierten und sechsten Lebensjahr. Und plötzlich musste ich darüber nachdenken, was Zeit eigentlich bedeutet. Was ist lang? Was ist kurz? Zwei Jahre für ein Buch fühlen sich erst einmal lang an. Aber wie lange braucht man, um ein Leben zu erzählen? Meine Geschichte ist lang. Nicht nur in Jahren. Sie ist lang in Bildern, in Gefühlen, in kleinen Szenen, die irgendwo in mir geblieben sind.

Heute schreibe ich über Erinnerungen aus meiner Kindheit, die sich tief in mich eingebrannt haben. Manche davon machen noch immer sehr viel mit mir. Wenn ich schreibe, bin ich manchmal plötzlich wieder sehr nah an einer Zeit, in der Angst und Unsicherheit einen großen Raum eingenommen haben.

Ich sehe einen Küchentisch.

Ich sehe kleine Beine, die den Boden noch nicht erreichen. Ich sehe einen Raum. Ein Bett. Ich höre Schritte.

Und während ich schreibe, kommen die Gefühle dazu. Vielleicht ist genau das gerade das Besondere an diesem Buch. Ich kenne meine Geschichte schon lange. Ich habe viele Jahre darüber gesprochen, vieles verstanden und vieles aufgearbeitet. Aber jetzt erzähle ich sie. Und das ist etwas anderes. Ich gebe den einzelnen Bildern Zeit. Vielleicht brauchen manche nur ein paar Sätze. Vielleicht braucht eine Erinnerung mehrere Seiten. Und vielleicht brauche ich danach einen Tag, an dem ich überhaupt nichts darüber schreiben möchte.

Auch das ist Zeit.

Nicht alles war dunkel

Neben all diesen schweren Bildern steht etwas, das mir mindestens genauso wichtig ist:

Ich durfte auch Liebe erfahren.

Es gab Menschen, die ich geliebt habe. Es gab ein kleines Mädchen, das gelacht hat. Das draußen gespielt hat. Das Weihnachten aufregend fand. Das seine Oma und seine Brüder liebte, träumte und sich in Märchen verlor. Auch diese Bilder sind da. Und auch sie dürfen erzählt werden.

Vielleicht möchte ich deshalb gar nicht mehr versuchen, meine Vergangenheit in gut oder schlecht einzuteilen.

Sie war widersprüchlich. Manchmal war die Welt friedlich. Und manchmal kippte sie. Beides gehört zu meiner Geschichte.

Ein schöner Moment muss heute nicht schlecht werden, damit das Schlimme wahr sein darf. Und eine schlimme Erinnerung nimmt mir nicht die schönen Momente, die es auch gegeben hat. Vielleicht ist gerade das wichtig für mich. Dass dieses kleine Mädchen endlich alles erzählen darf. Nicht nur das, was wehgetan hat.

Und während ich all das schreibe, gibt es mein Leben heute

Vielleicht ist es genau dieser Gegensatz, der mich manchmal selbst überrascht. Ich schreibe über ein kleines Mädchen, für das Angst und Unsicherheit lange zum Leben gehörten. Ich gehe beim Schreiben sehr nah an diese Gefühle heran. Manchmal so nah, dass ich weine.

Ich spüre die Angst. Die Traurigkeit. Manchmal die Verzweiflung. Und trotzdem bin ich heute nicht mehr dort.

Ich bin hier.

Ich kann morgens mit meinem Kaffee auf der Couch sitzen und meinen Gedanken nachhängen. Ich kann schreiben. Ich kann innehalten. Ich kann mit meinem Hund rausgehen. Ich kann kreativ sein. Oder einfach einen Moment gar nichts tun. Ich muss ein Gefühl heute nicht mehr sofort beenden.

Es darf da sein.

Vielleicht ist das eine der größten Veränderungen in meinem Leben. Dass etwas wehtun darf, ohne dass gleich meine ganze Welt ins Wanken gerät. Dass ich traurig sein kann und trotzdem zufrieden. Dass ich mich erinnern kann und gleichzeitig weiß, wo ich heute bin. Mein Leben ist nicht frei von schwierigen Tagen. Das soll es auch gar nicht sein. Aber es ist meins. Und vielleicht spüre ich gerade deshalb beim Schreiben so deutlich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Ich habe heute den Raum, zurückzuschauen, ohne dort bleiben zu müssen.

Vielleicht brauche ich zwei Jahre

Vielleicht brauche ich zwei Jahre für dieses Buch. Vielleicht weniger. Vielleicht mehr. Heute fühlt sich das plötzlich gar nicht mehr so wichtig an. Was sind zwei Jahre, wenn ich einer Geschichte Raum gebe, die mich mein ganzes Leben begleitet? Ich möchte sie nicht schnell erzählen. Ich möchte sie so erzählen, wie sie kommt. Manchmal in ganzen Szenen. Manchmal nur in einem Bild. Manchmal in einem Körpergefühl. Manchmal in einem Traum. Und manchmal vielleicht nur in einem einzigen Satz. Es gibt Erinnerungen, die mich weinen lassen. Andere lassen mich lächeln. Manche verstehe ich heute. Bei anderen bleibt ein Warum. Und manches weiß ich einfach nicht mehr. Auch das darf so sein. Ich merke gerade, dass dieses Buch nicht dadurch wächst, dass ich möglichst viele Wörter am Tag schreibe. Es wächst jedes Mal, wenn ich mich hinsetze und bereit bin, hinzusehen. Vielleicht ist Zeit deshalb gerade gar nicht mein Gegner. Vielleicht ist sie etwas, das ich diesem kleinen Mädchen heute endlich geben kann.

Zeit.

So viel, wie sie braucht. Und während ich ihr diese Zeit gebe, geht mein Leben weiter.

Ich lache. Ich weine. Ich trauere. Ich freue mich. Ich schreibe. Ich lebe.

Und manchmal schaue ich in den Spiegel und sehe noch immer dieselben Augen, die all das einmal gesehen haben. Nur führen diese Augen heute ein anderes Leben.

Vielleicht ist genau das mein Hier und Jetzt.

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