Wer trägt die Verantwortung
Manche Erinnerungen bleiben als Bilder. Das Blut. Die Kreide auf der Straße. Mein Vater im Auto. Eine Nacht, die ich nicht verstehen konnte. Fast 52 Jahre später merke ich, dass das kleine Mädchen von damals manchmal noch sehr nah ist. Vielleicht geht es heute nicht darum, jede Tür zu öffnen. Vielleicht geht es darum, endlich die Verantwortung für das Mädchen zu übernehmen, die damals andere hätten tragen müssen.
Nachdenken über den Schreibprozess
Heute bin ich verantwortlich. Dieses kleine Mädchen brauchte Erwachsene, die Verantwortung für es übernehmen. Die es schützen. Die ihm erklären, was passiert. Die seine Grenzen schützen, weil es das selbst noch nicht konnte.
Ich sitze hier mit meinem Kaffee im Bett und denke über meinen Schreibprozess nach. Noch nicht geduscht, noch nicht richtig am Tag angekommen.
Und genau so mag ich es.
Ich lasse den Samstag langsam anfangen und die vergangene Woche noch einmal vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen. Das sind Momente, die ich wirklich gerne habe. Sie entspannen mich und tun mir gut. Vielleicht ist es eine Form von Selbstfürsorge.
Nichts müssen. Noch nirgendwohin. Einfach mit meinem Kaffee im Bett sitzen und ein bisschen bei mir sein.
Schwierige Schreibphase
Heute und eigentlich schon die ganze Woche will das Schreiben nicht so richtig funktionieren. Ich bin in meinem Buch an einer Stelle angekommen, die für mich einen wirklichen Wendepunkt in meinem Leben beschreibt.
Es gibt Stellen in meinem Leben, die für mich bis heute nicht wirklich begreifbar sind. Die Bilder sind da.
Ich sehe die Kreide auf der Straße. Ich sehe das Blut. Da ist mein kleiner Bruder. Sein Tod.
Ich sehe meinen Vater in meiner Erinnerung im Auto sitzen, nachdem er uns in Bremen abgesetzt hat. Ich sehe meine Omi. Und ich sehe diese Nacht. Diesen großen Mann. Diese Nacht bei Omi, die ich nicht begreifen konnte.
Für mich fühlt sich das heute manchmal an wie ein einziger Tag. Vielleicht waren es drei oder vier Tage. Vielleicht eine Woche. Ich weiß es nicht mehr.
Ich weiß nur, dass innerhalb kürzester Zeit so vieles passiert ist und sich mein Leben von da an dramatisch verändert hat.
Die Bilder und das Gefühl
Die Bilder sind da. Aber das Gefühl findet im Moment nicht ganz zu ihnen. Manchmal öffnet sich etwas ein bisschen. Dann spüre ich die Traurigkeit.
Und selbst jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass es etwas mit mir macht.
Und ich frage mich: Warum? Warum ist mein Vater nicht wiedergekommen? Warum musste dieses kleine Mädchen mit alldem alleine bleiben?
Mit dem Tod seines Bruders. Mit der Trennung seiner Eltern. Mit dieser Nacht. Mit all den Dingen, die es überhaupt nicht verstehen konnte.
Sobald ich anfange, tiefer hineinzugehen, merke ich, dass meine Seele wieder anfängt, mich zu schützen.
Sie nimmt mir die Erinnerung nicht. Die Bilder bleiben. Aber es ist noch nicht die Zeit, diese Tür ganz zu öffnen. Und das ist okay.
Das Geschehene bleibt trotzdem wahr. Die Erinnerungen bleiben trotzdem. Und auch die Überforderung dieses kleinen Mädchens bleibt wahr.
Vielleicht braucht es heute einfach die Zeit, die es damals nicht bekommen hat.
Verantwortung
Und während ich hier sitze, merke ich, dass da noch etwas anderes ist: Verantwortung. Dieses Wort geht mir heute Morgen nicht aus dem Kopf.
Denn damals haben Erwachsene über das Leben dieses kleinen Mädchens entschieden. Es wurde nach Bremen gebracht. Sein Vater fuhr wieder weg. Es wusste nicht, warum. Sein Leben veränderte sich, und es konnte nichts anderes tun, als mitzugehen.
Und in dieser Nacht wurde eine Grenze seines Körpers überschritten, über die es überhaupt nicht entscheiden konnte. Es war ein Kind. Andere Menschen hatten die Verantwortung.
Und vielleicht macht mich heute genau das so traurig: Dass diese Verantwortung so oft niemand übernommen hat. Niemand hat dieses kleine Mädchen aufgefangen. Niemand hat ihm erklärt, was gerade mit seinem Leben passiert. Niemand hat ihm geholfen, all diese Dinge überhaupt zu begreifen.
Lähmung und Nicht-Handeln
Und da ist noch etwas. Diese Lähmung. Dieses Nicht-Handeln. Dieses Geschehenlassen, obwohl in mir etwas ganz anderes passiert. Ich kenne dieses Gefühl. Und diese Woche ist es mir wieder begegnet. In einer vollkommen anderen Situation.
Es ging wieder um meinen Körper. Ich hatte ein Gefühl dazu. Eigentlich wusste ich, dass ich die Entscheidung in diesem Moment noch nicht treffen wollte. Ich wollte warten. Ich wollte mit jemandem darüber sprechen.
Und dann saß ich einem Arzt gegenüber. Er traf eine Entscheidung. Und ich ließ es geschehen. Ich war wie gelähmt.
Ob diese Entscheidung medizinisch richtig oder falsch war, weiß ich nicht. Darum geht es mir auch gar nicht.
Was mich beschäftigt, ist dieser Moment. Dieser Moment, in dem ich etwas anderes wollte und trotzdem nichts gesagt habe.
Erst hinterher war meine Stimme wieder da. Und mit ihr dieser Gedanke:
Aber ich wollte das doch gar nicht.
Natürlich ist diese Situation nicht mit dem vergleichbar, was diesem kleinen Mädchen passiert ist. Aber das Gefühl kenne ich. Diese Lähmung kenne ich. Dieses Verstummen, obwohl in mir längst etwas spricht.
Und vielleicht ist genau das eine dieser Stellen, an denen meine Vergangenheit mein heutiges Leben berührt.
Heute bin ich verantwortlich
Dieses kleine Mädchen brauchte Erwachsene, die Verantwortung für es übernehmen. Die es schützen. Die ihm erklären, was passiert. Die seine Grenzen schützen, weil es das selbst noch nicht konnte.
Heute bin ich erwachsen. Heute kann ich Entscheidungen treffen. Ich kann Nein sagen. Ich kann sagen: Warte. Ich möchte darüber nachdenken. Ich möchte das anders. Ich möchte selbst entscheiden.
Und trotzdem merke ich, dass das manchmal gar nicht so einfach ist. Vielleicht kommt meine Stimme manchmal spät. Aber sie kommt. Und heute höre ich sie.
Meine gewählte Einsamkeit
Vielleicht brauche ich gerade deshalb diese Momente für mich.
Ich merke, dass ich meine Einsamkeit manchmal sehr schätze. Ich brauche meine eigene kleine Bubble. Mein Zuhause. Meine Ruhe.
Ich freue mich auf meinen Urlaub und hoffe, dass darin auch ein paar Tage sein werden, die einfach nur mir gehören.
Manchmal brauche ich Menschen. Und manchmal brauche ich einfach niemanden.
Ich liebe diese gewählte Einsamkeit. Nicht immer. Aber manchmal sehr.
Und auch bei den Menschen in meinem Leben hat sich etwas verändert. Ich brauche nicht mehr alle Menschen. Ich brauche Menschen, zu denen ich ein ehrliches Gefühl habe und bei denen ich spüre, dass auch sie mir ehrlich begegnen.
Oberflächliche Kontakte können schön sein. Aber sie sind für mich nicht mehr elementar.
Erinnerungen und Selbstfürsorge
Es hat sich so viel verändert in meinem Leben. Und vielleicht gehört auch das dazu.
Ich mag meine Erinnerungen. Ich mag es, dass sie wieder da sein dürfen. Und ich mag auch das Gefühl. Selbst wenn es mich manchmal überschwemmt. Selbst wenn es mich traurig macht. Es gehört zu mir.
Aber heute muss ich damit nirgendwohin. Heute muss ich diese Tür nicht weiter öffnen.
Heute kann ich etwas tun, was dieses kleine Mädchen damals nicht konnte.
Ich kann entscheiden, wann es genug ist.
Vielleicht ist genau das Verantwortung. Nicht alles auszuhalten. Nicht immer weiterzumachen. Sondern auch zu sagen:
Für heute reicht es.
Ich sitze noch immer mit meinem Kaffee im Bett. Noch nicht geduscht. Noch nicht richtig im Samstag angekommen.
Und vielleicht ist genau das heute richtig.
Ich lasse den Samstag einfach Samstag sein. Ich gebe mir Zeit. Und passe heute ein bisschen auf dieses kleine Mädchen auf.
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