Mut
Wann wird aus Angst eigentlich Mut? Meine Angst war nie nur die vor den großen Dingen. Manchmal hatte ich Angst vor einer Frage. Vor einem Nein. Sogar davor, zu sagen, was ich gerade brauchte. Ich bin erwachsen geworden. Die Angst ist mitgewachsen. Aber heute gibt es einen Unterschied: Ich bin ihr nicht mehr ausgeliefert. Vielleicht ist genau das mein Mut.
Mut
Das Schwierigste war: Ich wusste nie wirklich, woran ich war. Und vielleicht war genau das eine der schlimmsten Formen meiner Angst.
Ich hatte als Kind Angst zu fragen, ob ich mir ein Stück Obst nehmen darf.
Ganz banale Dinge.
Ich hatte Hunger. Oder einfach Appetit.
Eigentlich eine ganz einfache Sache.
Aber selbst eine so einfache Frage konnte mit Angst verbunden sein.
Darf ich mir einen Apfel nehmen?
Darf ich etwas trinken?
Darf ich etwas fragen?
Ein Nein meiner Mutter war nicht einfach nur ein Nein.
Es konnte eine ganze Litanei folgen. Schimpfen. Ablehnung. Vorwürfe. Und manchmal wusste ich vorher überhaupt nicht, was meine Frage auslösen würde.
Aber manchmal reichte schon die Angst vor einem einfachen Nein.
Also verkniff ich mir die Frage.
Je länger ich darüber nachdachte, ob ich fragen sollte, desto größer wurde meine Angst. Sie wurde körperlich. Ich steigerte mich immer weiter hinein, bis ich schließlich gar nicht mehr fragte.
Meine Mutter konnte sehr angsteinflößend sein.
Sie hatte eine wahnsinnige Macht über mich.
Ihre Ablehnung mir gegenüber war deutlich zu spüren. Gerade auch in diesen ganz banalen Dingen.
Also lernte ich früh, vorsichtig zu sein.
Mit meinen Fragen. Mit meinen Wünschen. Mit meinen Bedürfnissen.
Ich überlegte, bevor ich etwas sagte.
Kann ich das fragen?
Darf ich das sagen?
Was passiert danach?
Manchmal war es wahrscheinlich einfacher, Hunger oder Durst auszuhalten, als herauszufinden, welche Reaktion ein ausgesprochenes Bedürfnis hervorrufen würde.
Wenn die kleinen Dinge schon Angst machen
Heute denke ich manchmal darüber nach, wie selbstverständlich solche Dinge für ein Kind eigentlich sein sollten.
Ich habe Hunger.
Ich habe Durst.
Mir geht es nicht gut.
Ich brauche etwas.
Ich möchte etwas nicht.
Aber für mich waren selbst solche einfachen Bedürfnisse nicht selbstverständlich.
Und irgendwann ging es nicht mehr nur um Hunger oder Durst.
Es ging um Dinge, die mir Probleme bereiteten.
Um Dinge, die mir passiert waren.
Um Dinge, für die ich selbst kaum Worte hatte.
Selbst über meinen Missbrauch konnte ich mit meiner Mutter nicht sprechen.
Ich hatte Angst, dass sie mir nicht glauben würde.
Und diese Angst kam nicht aus dem Nichts.
Ich hatte oft genug erlebt, dass ich mit dem, was in mir vorging, nicht sicher bei ihr war.
Ich wusste nie, was mit meinen Worten passieren würde.
Ob sie mir glaubte.
Ob sie mich ablehnte.
Oder ob etwas, das ich ihr erzählte, irgendwann gegen mich verwendet werden würde.
Also schwieg ich.
Die Angst ging nicht einfach weg
Ich wurde älter.
Ich hatte irgendwann mein eigenes Leben.
Und trotzdem war ich meiner Mutter gegenüber noch lange nicht frei.
Mit 18 hatte ich bereits außerhalb ihres Lebens gestanden. Sie hatte sich über Jahre kaum um mich gekümmert. Aus einer Not heraus kehrte ich zu ihr zurück.
Und plötzlich war vieles wieder da.
Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich sie aus einer Kneipe abholte. Sie war betrunken.
Eigentlich war ich diejenige, die sich kümmerte.
Diejenige, die Verantwortung übernahm.
Und trotzdem konnte sie mich noch immer demütigen und schlagen.
Ich trug einen Pullover von ihr, den sie mir vorher selbst gegeben hatte.
Und plötzlich wurde selbst dieser Pullover zum Problem.
So war es oft.
Selbst dass ich auf meine Schwester aufgepasst hatte und eigentlich für sie da gewesen war, damit meine Mutter ihre Kneipentour machen konnte, spielte plötzlich keine Rolle mehr.
Etwas konnte gestern noch richtig gewesen sein und heute falsch.
Etwas konnte erlaubt sein und plötzlich gegen mich verwendet werden.
Ich wusste nie wirklich, woran ich war.
Und vielleicht war genau das eine der schlimmsten Formen meiner Angst:
Nicht zu wissen, was als Nächstes passiert.
Ein Mantel
In meiner ersten Therapie bekam ich irgendwann eine Aufgabe.
Ich sollte mir vorstellen, welchen Mantel ich anziehen könnte, damit ich mich geschützt fühlte.
Einen unsichtbaren Mantel.
Ich sollte mir überlegen, wen ich an meiner Seite brauchte, damit ich mich meiner Mutter widersetzen konnte. Welches Gefühl mich unterstützen könnte, um den nötigen Abstand zu bekommen.
Aber Abstand bedeutete oft, dass meine Mutter wütend wurde.
Wenn ich mich ihr entzog, klopfte sie immer wieder massiv an meine Tür. Sie drohte mir und setzte mich unter Druck.
Heute klingt das vielleicht nach einer kleinen Übung.
Damals war es das nicht.
Ich musste überhaupt erst lernen, dass ich mich widersetzen durfte.
Dass ein Nein möglich war.
Dass ich gehen durfte.
Dass ich mich schützen durfte.
Die Beziehung zu meiner Mutter endete deshalb auch nicht mit einer einzigen großen Entscheidung.
Ich wollte doch so gerne eine Mutter.
Und ich begriff lange nicht, dass meine Mutter nicht die Mutter war, die ich mir gewünscht hatte.
Ich brauchte Zuneigung und Wärme.
Und ich dachte immer wieder, irgendwann würde ich sie bekommen.
Es gab Nähe und Abstand.
Gehen und Zurückkehren.
Immer wieder.
Bis ich irgendwann wirklich gehen konnte.
Und heute?
Heute erzählen mir Menschen manchmal, dass sie mich mutig finden.
Lange konnte ich mit diesem Wort gar nicht so viel anfangen.
Mutig?
Ich?
Ich kenne mich doch mit Angst viel besser aus.
Und auch heute ist sie nicht verschwunden.
Es gibt Situationen, die für andere Menschen vielleicht völlig selbstverständlich sind und in denen in mir plötzlich eine unglaubliche Angst entsteht.
Manchmal blockiert sie mich.
Manchmal brauche ich lange, um herauszufinden, was eigentlich gerade passiert.
Dann muss ich mir Fragen stellen, die für mich sehr wichtig geworden sind:
- Wovor habe ich gerade Angst?
- Was kann mir tatsächlich passieren?
- Kann dieser Mensch mir wirklich etwas antun?
- Kann er mich schlagen?
- Kann er mich festhalten?
- Bin ich ihm ausgeliefert?
- Oder fühlt sich etwas gerade nur so gefährlich an, weil es einmal gefährlich war?
Ich musste lernen, mit den Augen der erwachsenen Frau auf Situationen zu schauen, in denen ein Teil von mir noch immer mit den Augen des Kindes sieht.
Das Kind darf Angst haben.
Seine Angst hatte einmal einen sehr guten Grund.
Aber heute kann die Erwachsene dazukommen.
Sie kann schauen.
Sie kann entscheiden.
Und sie kann schützen.
Sichtbar
Gerade begegnet mir diese Angst wieder an einer ganz anderen Stelle.
Ich schreibe meine Geschichte.
Ich veröffentliche sie.
Ich habe einen Blog ins Internet gestellt und angefangen, mich damit sichtbar zu machen.
Und ich war stolz darauf.
Sehr sogar.
Dann gab es plötzlich einen Tag, an dem es sich überhaupt nicht mehr gut anfühlte.
Menschen sehen mich.
Menschen lesen meine Geschichte.
Menschen können sich eine Meinung über mich bilden.
Und ich kann nicht kontrollieren, welche.
Plötzlich wollte ein Teil von mir wieder zurück.
Weniger sichtbar sein.
Etwas zurücknehmen.
Mich schützen.
Und natürlich kenne ich diese alten Fragen:
Was passiert, wenn ich etwas von mir zeige?
Was passiert, wenn ich erzähle?
Was passiert, wenn jemand mich dafür falsch beurteilt?
Ich könnte jetzt sagen, dass ich inzwischen so weit geheilt bin, dass mir das alles nichts mehr ausmacht.
Aber das wäre nicht wahr.
Es macht mir manchmal etwas aus.
Sehr sogar.
Vielleicht ist das Mut
Vielleicht habe ich Mut lange falsch verstanden.
Vielleicht dachte ich, irgendwann müsste die Angst verschwunden sein.
Dass ich irgendwann an einem Punkt ankomme, an dem ich einfach sage:
Jetzt ist mir egal, was andere denken.
Ich habe keine Angst mehr.
Ich mache einfach.
Aber so fühlt sich mein Weg nicht an.
Die Angst ist noch da.
Manchmal ganz leise.
Und manchmal so laut, dass ich kaum noch weiß, warum ich etwas angefangen habe, von dem ich kurz vorher noch vollkommen überzeugt war.
Heute kann ich anders mit ihr umgehen.
Ich kann sie ansehen.
Ich kann versuchen herauszufinden, woher sie kommt.
Ich kann unterscheiden zwischen dem, was damals passieren konnte, und dem, was heute passieren kann.
Und ich kann mir Zeit lassen.
Ich bin heute in meinem Leben angekommen.
Und ich lerne dieses Mädchen als die Frau, die ich heute bin, immer besser kennen.
Ich verstehe immer mehr, warum sie so viel Angst hatte.
Ich kann sie heute gut annehmen.
Mit ihrer Angst.
Mit ihrem Schweigen.
Mit all den Dingen, die sie sich nicht zu fragen oder zu sagen traute.
Ich muss sie nicht mehr dazu bringen, mutig zu sein.
Vielleicht muss ich ihr heute nur zeigen, dass sie nicht mehr allein entscheiden muss, ob etwas gefährlich ist.
Heute bin ich da.
Und gleichzeitig weiß ich heute, dass ich nicht mehr dieses kleine Mädchen bin.
Meine heutige Freiheit
Vielleicht brauche ich heute keinen unsichtbaren Mantel mehr.
Vielleicht besteht mein Schutz heute aus meinen Grenzen.
Aus einem Nein.
Aus Abstand.
Aus der Möglichkeit zu gehen.
Aus der Entscheidung, etwas zu erzählen.
Oder aus der Entscheidung, etwas nicht zu erzählen.
Heute darf ich selbst entscheiden, wie viel von mir sichtbar wird.
Vielleicht bedeutet Mut deshalb für mich gar nicht, keine Angst mehr zu haben.
Vielleicht bedeutet Mut auch nicht, immer weiterzugehen.
Vielleicht ist Mut, dass meine Angst da sein darf – und am Ende trotzdem ich entscheide.
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