Meine Mutter
Wie beschreibt man einen Menschen, bei dem Fürsorge und Gefahr unmittelbar nebeneinander existierten? Eine Frau, die nach außen Glanz und Ansehen suchte, während hinter verschlossenen Türen Kontrolle, Sucht und Gewalt herrschten. Ein ungeschönter Blick auf eine Kindheit, in der Nähe keine Sicherheit bedeutete – und auf die Erkenntnis, dass die Vergangenheit mein Heute nicht mehr bestimmt.
Eine Frau voller Widersprüche
Meine Mutter war in jeder Hinsicht unberechenbar.
Meine Mutter war eine Frau, die ich bis heute nur schwer in wenigen Worten beschreiben kann.
Sie konnte charmant sein, freundlich sprechen und Menschen mit ihrer zugewandten Art für sich gewinnen. Sie konnte liebevoll säuseln und einem das Gefühl geben, gerade der wichtigste Mensch auf der Welt zu sein.
Doch sie hatte auch eine andere Seite. Eine Seite, die von Wut, Kontrolle, Unberechenbarkeit und Gewalt geprägt war.
Wer meiner Mutter begegnete, musste nicht zwangsläufig die Frau kennenlernen, die ich zu Hause erlebte.
Eine Frau, der das Äußere wichtig war
Meine Mutter legte großen Wert darauf, wie sie und ihre Familie nach außen wirkten.
Kleidung, Geld, beruflicher Erfolg und gesellschaftliches Ansehen hatten für sie einen hohen Stellenwert. Ihre Kinder sollten ordentlich aussehen, etwas leisten und möglichst einen guten Eindruck hinterlassen.
Sie interessierte sich für Mode und wusste durchaus, was gerade angesagt war. Sie konnte großzügig sein und sich Mühe geben, Wünsche zu erfüllen.
Besonders Weihnachten ist mir in schöner Erinnerung geblieben. Meine Mutter bereitete das Fest vor, kaufte Geschenke und schuf für einige Stunden eine Atmosphäre, die sich friedlich und beinahe geborgen anfühlte.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich vor Weihnachten heimlich nach meinen Geschenken suchte. Ich war neugierig und wollte unbedingt wissen, was mich unter dem Weihnachtsbaum erwartete.
Diese Vorfreude, der geschmückte Baum und die Geschenke gehörten zu den schönen Momenten meiner Kindheit.
Doch ihre Großzügigkeit hatte Grenzen, die sie selbst bestimmte.
Es konnte passieren, dass ich eine wunderschöne Hose zu Weihnachten bekam, die ich später plötzlich nicht mehr tragen durfte, weil ich etwas getan hatte, das meiner Mutter nicht gefiel.
Was sie mir schenkte, konnte sie mir auch wieder nehmen.
Und manchmal zeigte sich ihre Widersprüchlichkeit auf eine ganz andere Weise.
Während sie einerseits großen Wert auf modische Kleidung legte, musste ich andererseits gelegentlich in ihren schwarzen Kellnerröcken und gelben Gummistiefeln zur Schule gehen.
Für mich war das ausgesprochen unangenehm.
Auch solche Demütigungen gehörten zu ihren Bestrafungen.
Meine Mutter konnte mir schöne Dinge ermöglichen und sie im nächsten Moment gegen mich verwenden.
Ein Leben mit Alkohol und Tabletten
Meine Mutter arbeitete als Kellnerin und führte ein Leben, in dem Alkohol eine große Rolle spielte.
Sie war alkohol- und tablettenabhängig.
Beides prägte unseren Familienalltag über viele Jahre.
Ihre Stimmungen waren kaum vorhersehbar. Sie konnte freundlich und beinahe liebevoll sein, wenn sie Unterstützung brauchte. An anderen Tagen genügte eine Kleinigkeit, um ihre Wut auszulösen.
Ich erinnere mich noch genau an die Tage nach einer durchzechten Nacht.
Wenn meine Mutter mit einem schweren Kater im Bett lag, sollte ich bei Aldi Bier besorgen. Dazu kamen Alka-Seltzer oder andere Mittel gegen ihre Beschwerden.
Solche Einkäufe gehörten zu meinem Alltag.
Manchmal holten wir später etwas zu essen, weil meine Mutter nicht kochen wollte. Dann durften wir uns auch etwas aussuchen.
Es waren Augenblicke, in denen sie freundlich und großzügig sein konnte.
Aber auch in diesen Momenten wusste ich nie, ob ihre Stimmung so bleiben würde.
Ich lernte früh, ihre Launen wahrzunehmen und Gelegenheiten zu nutzen, in denen etwas möglich war, das an anderen Tagen vielleicht verboten gewesen wäre.
Ich übernahm schon früh Aufgaben, die weit über das hinausgingen, was ein Kind hätte tragen sollen.
Ich besorgte ihr Getränke und Medikamente, erledigte Dinge für sie und wurde immer wieder in ihre persönlichen Probleme hineingezogen.
Dabei konnte sie ausgesprochen charmant sein, wenn sie etwas erreichen wollte.
Aber ihre Freundlichkeit bedeutete niemals, dass die Stimmung auch so bleiben würde.
Meine Mutter war in jeder Hinsicht unberechenbar.
Kontrolle und Abhängigkeit
Kontrolle spielte in ihrem Leben eine große Rolle.
Sie wollte wissen, wo ich war, mit wem ich sprach und wann ich nach Hause kam.
Wir wohnten direkt gegenüber meiner Schule. Vom Balkon aus konnte sie beobachten, ob ich nach Schulschluss sofort nach Hause ging.
Wenn ich noch mit anderen Kindern sprechen wollte, musste ich aufpassen, dass sie mich nicht dabei sah.
Meine Freizeit war häufig stark eingeschränkt.
Stubenarrest bedeutete bei uns mitunter, dass ich in der Wohnung eingeschlossen wurde, während meine Mutter zur Arbeit ging.
Manchmal durfte ich nicht einmal fernsehen.
Ich erinnere mich daran, wie ich heimlich durch einen Türspalt ins Wohnzimmer schaute, während mein Bruder fernsehen durfte.
Auch meine Kleidung, meine Freundschaften und meine Beziehung zu meinem Vater unterlagen ihren Entscheidungen.
Gleichzeitig versuchte sie, die Menschen in ihrem Umfeld zu kontrollieren.
Besonders deutlich wurde das in ihrer Ehe mit meinem Stiefvater Walter.
Wenn er nicht nach Hause kam, wurde nach ihm gesucht. Manchmal sollte ich herausfinden, vor welcher Kneipe sein Auto stand.
Ich erinnere mich daran, wie ich nach seinem Auto Ausschau halten musste, während meine Mutter wissen wollte, wo er geblieben war.
So wurde ich schon als Kind in ihre Eheprobleme hineingezogen.
Meine Mutter wollte bestimmen, was in ihrem Umfeld geschah. Doch ihr eigenes Leben war von Konflikten und Unsicherheit geprägt.
Die Ehe mit Walter war von Alkohol und schweren Auseinandersetzungen begleitet.
Ich erlebte, wie meine Mutter selbst körperliche Gewalt erlitt. Es gab Verletzungen und Krankenhausaufenthalte.
Manchmal lag ich in meinem Zimmer und hörte die Auseinandersetzungen.
Ich hatte Angst, dass mein Stiefvater meiner Mutter etwas antun könnte, das sie nicht überlebte.
Und ich hatte gleichzeitig Angst, dass sich die Gewalt anschließend gegen mich richten würde.
Es kam vor, dass meine Mutter nach solchen Auseinandersetzungen in mein Zimmer kam und mir ihre Sorgen und Verzweiflung anvertraute.
Ich war vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt.
Ihre eigene Not hielt sie nicht davon ab, ihre Wut und Verzweiflung an mir auszulassen.
Zwischen Fürsorge und Grausamkeit
Meine Mutter konnte fürsorglich handeln.
Wenn ich ernsthaft krank war, kümmerte sie sich um medizinische Versorgung.
Ich erinnere mich an eine Wundrose an meinem linken Bein. Mein Bein war irgendwann massiv angeschwollen. Meine Mutter brachte mich ins Krankenhaus und sorgte dafür, dass ich behandelt wurde.
Das war eine Seite von ihr, die es ebenfalls gab.
Aber körperliche Zärtlichkeit und emotionale Geborgenheit gehörten nicht zu unserem Alltag.
Meine Mutter nahm mich nicht in den Arm.
Eine Umarmung, Trost oder das selbstverständliche Gefühl, sich bei seiner Mutter anlehnen zu können, habe ich bei ihr nicht erlebt.
Ich erinnere mich an einen seltenen Moment, in dem sie mir über das Haar strich. Dabei sagte sie sinngemäß, sie wolle mir das alles eigentlich gar nicht antun, aber es sei eben auch schwierig mit mir.
Es war einer dieser widersprüchlichen Augenblicke, in denen Zuwendung und Vorwurf unmittelbar nebeneinanderstanden.
Ihre Zuwendung war wechselhaft und häufig mit ihren eigenen Bedürfnissen verbunden.
Gleichzeitig konnte ihre Wut ein Ausmaß erreichen, das weit über gewöhnliche Strenge hinausging.
Sie war körperlich gewalttätig, demütigend und in manchen Momenten von einer Grausamkeit, die ich bis heute kaum begreifen kann.
Die Einzelheiten dieser Erfahrungen gehören zu meiner Lebensgeschichte. Einige werde ich in meinem Buch erzählen.
Für dieses Porträt ist mir vor allem eines wichtig:
Meine Mutter war ein Mensch, bei dem Fürsorge und Gefahr unmittelbar nebeneinander existieren konnten.
Und ich konnte nie wissen, welche Seite mir begegnen würde.
Das Schweigen nach außen
Meine Mutter achtete sehr darauf, welches Bild unsere Familie nach außen abgab.
Über das, was zu Hause geschah, sprach ich kaum. Ich hatte Angst vor den Folgen.
Dennoch blieb die Gewalt nicht vollständig verborgen.
Menschen bemerkten Verletzungen, hörten Auseinandersetzungen oder wurden selbst Zeugen ihres Verhaltens.
Eine meiner engsten Freundinnen erzählte mir viele Jahre später von einem Erlebnis, an das ich selbst keine Erinnerung mehr hatte.
Sie hatte bei uns geklingelt, weil sie mit mir spielen wollte.
Als ich an die Tür kam, soll meine Mutter mich an den Haaren zurück in die Wohnung gezogen haben.
Meine Freundin war erschrocken und ging mit dem Gefühl nach Hause, möglicherweise selbst etwas falsch gemacht zu haben.
Ich habe diese Geschichte erst viel später von ihr gehört.
Es gab Menschen, die nachfragten. Und es gab viele, die schwiegen.
Auch das Jugendamt wurde eingeschaltet.
An einen dieser Besuche kann ich mich bis heute erinnern.
Ich kam aus der Schule nach Hause und begegnete einer Mitarbeiterin, die sich offenbar ein Bild von unserer Situation machen sollte.
Was sie damals genau wusste, kann ich nicht sagen.
Aber ich erinnere mich an einen Satz, der sinngemäß lautete, ich müsse einfach ein bisschen lieber sein, dann würde das schon werden.
Dieser Satz ist geblieben.
Lange Zeit änderte sich an meiner Situation nichts Grundlegendes.
Doch später, als ich mit 14 Jahren endgültig abgehauen bin von zu Hause und zu meinem Vater nach Süddeutschland zog, kam es zu einer gerichtlichen Entscheidung.
Ich war ungefähr fast fünfzehn Jahre alt, als meiner Mutter durch ein Gericht das Sorgerecht vollständig entzogen wurde.
Ich erinnere mich heute nicht mehr mit Sicherheit an mein genaues Alter zum Zeitpunkt des Urteils.
Damit wurde schließlich auch von offizieller Seite eine Grenze gezogen.
Bis dahin hatte ich bereits viele Jahre in Angst und Unsicherheit verbracht.
Meine Mutter wiederum konnte Verantwortung von sich weisen. Sie stellte mein Verhalten infrage und gab mir das Gefühl, für die Schwierigkeiten selbst verantwortlich zu sein.
Wenn bekannt wurde, dass andere Menschen etwas von unserer Situation mitbekommen hatten, konnte sie mir vorwerfen, ich wolle nur Mitleid erregen.
Dabei war mein Schweigen vor allem von Angst geprägt.
Was hinter verschlossenen Türen geschah, passte nicht zu dem Bild, das sie nach außen vermitteln wollte.
Eine Mutter, die ihre Kinder unterschiedlich behandelte
Innerhalb unserer Familie gab es deutliche Unterschiede.
Mein älterer Bruder genoss eine Sonderstellung. Er hatte Freiheiten, die mir häufig verwehrt blieben, und wurde von meiner Mutter anders behandelt.
Er durfte Freunde treffen, ausgehen und abends lange wegbleiben.
Ich dagegen verbrachte viele Stunden in der Wohnung, weil ich nicht hinausdurfte.
Gelegentlich gab es Ausnahmen. Manchmal durfte ich meinen Bruder sogar in eine Diskothek begleiten, obwohl ich gerade einmal vierzehn Jahre alt war.
Doch diese Ausnahmen änderten nichts daran, wie unterschiedlich ich unsere Behandlung erlebte.
Ich war oft diejenige, die ihre Unzufriedenheit, ihre Kontrolle und ihre Wut zu spüren bekam.
Ich musste mich nach ihren Stimmungen richten und konnte mich auf einmal getroffene Entscheidungen kaum verlassen.
Was an einem Tag erlaubt war, konnte am nächsten verboten sein.
Was als Geschenk begann, konnte zur Bestrafung werden.
Und was sich für einen kurzen Moment freundlich anfühlte, konnte unvermittelt umschlagen.
Wer war meine Mutter?
Wenn ich heute auf meine Mutter zurückblicke, sehe ich eine Frau, die großen Wert auf Anerkennung, Kontrolle und äußere Sicherheit legte.
Eine Frau, die materiellen Dingen häufig mehr Bedeutung beimaß als emotionaler Nähe.
Eine Frau, die ihre eigene Unzufriedenheit, ihre Ängste und ihre Wut nicht von ihren Kindern fernhalten konnte.
Sie konnte großzügig sein und im nächsten Moment alles wieder entziehen.
Sie konnte Fürsorge zeigen und gleichzeitig schwere Gewalt ausüben.
Sie konnte nach außen freundlich und charmant wirken, während innerhalb unserer Familie Angst und Unsicherheit herrschten.
Ich habe lange versucht, diese Gegensätze miteinander zu vereinbaren.
Vielleicht war sie selbst ein unglücklicher Mensch. Vielleicht war sie von ihren eigenen Erfahrungen geprägt.
Was sie innerlich tatsächlich bewegte, kann ich nicht wissen.
Aber ich weiß, wie ich sie erlebt habe.
Und ich weiß, wie es war, ihre Tochter zu sein.
Was geblieben ist
Meine Mutter hat mein Leben geprägt.
Nicht nur durch das, was sie getan hat, sondern auch durch das, was gefehlt hat.
Verlässlichkeit. Schutz. Zärtlichkeit. Emotionale Sicherheit.
Sie wusste von den Übergriffen, die angetan wurden. Sie bekam mit, was geschah. Doch statt mich zu schützen, schaute sie weg.
Mehr noch. Sie gab mir das Gefühl, selbst schuld an dem zu sein, was andere mit mir taten.
Dabei war ich ein Kind.
Ein Kind, das Schutz gebraucht hätte, keine Schuldzuweisung.
Heute erkenne ich manche Spuren dieser Kindheit in meinem eigenen Leben wieder.
In der Vorsicht, Wünsche auszusprechen.
In der Angst vor Zurückweisung.
Und in dem Gefühl, manchmal besonders aufmerksam auf die Stimmungen anderer Menschen achten zu müssen.
Doch das ist nicht mein ganzes Leben.
Heute geht es mir gut.
Ich habe mir ein Leben aufgebaut, das ich mag. Ich habe Menschen an meiner Seite, die mir wichtig sind. Ich kann lachen, lieben, neugierig sein und mich auf das freuen, was noch vor mir liegt.
Ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Ich darf Grenzen setzen. Ich darf Wünsche haben, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.
Und manchmal begegnen mir noch immer Gefühle aus meiner Vergangenheit.
Dann merke ich, wie tief manche Erfahrungen sitzen.
Aber sie bestimmen nicht mehr mein ganzes Leben.
Meine Mutter bleibt ein Teil meiner Geschichte.
Mit ihren Widersprüchen, ihren wenigen schönen Momenten und den vielen schmerzhaften Erinnerungen.
Ich möchte weder das Gute auslöschen noch die Gewalt beschönigen.
Ich möchte diese Frau so beschreiben, wie ich sie erlebt habe.
Denn meine Mutter war nicht nur die Frau, die mich geboren hat.
Sie war auch der Mensch, bei dem ich früh lernen musste, dass Nähe nicht automatisch Sicherheit bedeutet.
Heute weiß ich, dass Nähe auch anders sein kann.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die mir geblieben ist:
Meine Kindheit kann ich nicht verändern. Aber wie ich mein Leben heute gestalte, darf ich selbst entscheiden.
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