Der große Bruder
Er war mein großer Bruder. Mein Held. Wir spielten, tobten und lachten. Es sind friedliche Bilder meiner Kindheit – und trotzdem liegt heute etwas Beklemmendes über ihnen. Wie können beide Erinnerungen gleichzeitig wahr sein?
Der große Bruder
Da ist dieses kleine Mädchen mit den springenden blonden Locken und diesem fröhlichen Lachen.
Eine lachende Unbeschwertheit.
Sie spielt mit ihrem großen Bruder. Ihr Bruder ist ihr Held.
Die beiden albern auf dem Boden herum. Er hebt seine kleine Schwester immer wieder in die Luft, und sie lacht. In ihrer Hand hält sie ganz fest einen kleinen braunen Stoffhasen. Wie einen kleinen Schatz.
Er war ein Geschenk ihres Bruders.
Erinnerungen verschwimmen
Die Bilder verschwimmen heute. Sie kommen in Fetzen. Manche sind deutlich, andere kann ich kaum noch greifen.
Aber ich habe bei dieser Erinnerung immer das Gefühl, dass es ein schöner Moment war.
Der Raum ist groß und hell. Es muss unser Wohnzimmer gewesen sein. Das Kinderzimmer war viel zu klein zum Spielen und nur durch einen Vorhang vom Wohnzimmer getrennt.
Ich sehe diese typische Welt der Siebzigerjahre vor mir. Die graue Couch, Spielzeug auf dem Boden.
Es wirkt heimatlich.
Es war Zuhause.
Zuhause mit dem großen Bruder
Das kleine Mädchen ist Zuhause mit ihrem großen Bruder.
Sie spielen. Sie toben. Sie lachen.
Es wirkt friedlich.
Ich glaube, heute trifft dieses Wort mein Gefühl von damals am ehesten.
Friedlich.
Zwei Geschwister draußen
Es gibt noch andere Bilder von uns. Zwei Geschwister, die draußen mit anderen Kindern spielen. Mein Bruder gehörte selbstverständlich dazu. Er hatte sein Fahrrad, ich meinen roten Roller und wollte bei ihm sein.
Er war mein großer Bruder.
Ich habe ihn geliebt.
Und ich möchte diese Bilder heute nicht verändern, nur weil ich weiß, dass unsere Geschichte anders weiterging.
Wir haben gespielt.
Wir haben gelacht.
Diese Momente waren da.
Auch sie dürfen wahr sein.
Zurück im Wohnzimmer
Das kleine Mädchen lacht noch.
Ihr Bruder setzt sich auf sie und hält sie fest. Er ist viel größer und stärker als sie. Sie versucht, ihn von sich herunterzuschieben.
Sie kann es nicht.
Er kitzelt sie.
Erst lacht sie.
Dann will sie, dass er aufhört.
Aber er hört nicht auf.
Aus ihrem herzhaften Lachen wird ein Schreien.
Sie versucht, sich zu befreien.
Es fühlt sich nicht mehr schön an.
Nicht mehr freiwillig.
Fragende Gedanken
Wo ist Mama?
Wo ist Papa?
Hören sie sie?
Kommen sie herein?
Ich weiß es nicht.
Meine Erinnerung endet dort.
Ich weiß nicht mehr, was danach passiert ist.
Ich sehe noch den Raum. Ich sehe uns auf dem Boden. Ich sehe meinen Bruder über mir, seine dunkleren Haare. Wir sahen uns nicht besonders ähnlich.
Und ich spüre dieses Gefühl.
Das ist das Merkwürdige an meinen Erinnerungen. Bilder verschwimmen. Abläufe fehlen. Manchmal weiß ich nicht mehr, was vorher und was nachher war.
Aber das Gefühl ist noch da.
Auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe.
Dieser Kloß.
Dieses Beklemmende.
Das kleine Mädchen und ihr Stoffhase
Und gleichzeitig sehe ich die anderen Bilder.
Das lachende kleine Mädchen.
Den großen Bruder.
Den kleinen braunen Stoffhasen, den er ihr geschenkt hatte.
Zwei Geschwister, die miteinander spielen.
Vielleicht war es in diesen Momenten einfach schön.
Vielleicht war es friedlich.
Ich muss aus diesen Momenten heute nichts anderes machen, nur um zu beweisen, dass andere Dinge nicht gut waren.
Das eine nimmt dem anderen nichts.
Raum für das kleine Mädchen
Beim Schreiben merke ich immer mehr, dass ich diesem kleinen Mädchen Raum gebe.
Ich lasse sie ein Stückchen weiter herein.
Ich versuche nicht sofort zu verstehen oder zu erklären. Ich lasse zu, ihre Welt noch einmal mit ihren Augen zu sehen.
Was war da?
Was hat sie gesehen?
Wie hat es sich für sie angefühlt?
Ein kleines Kind versteht nicht, warum sich etwas heute gut und sicher anfühlen kann und morgen plötzlich kippt.
Auch dieses kleine Mädchen verstand das nicht.
Und vielleicht muss sie es auch heute nicht verstehen.
Ich möchte mich ihr einfach liebevoll zuwenden.
Nicht nur dem verletzten Kind.
Auch dem lachenden.
Dem kleinen Mädchen, das spielte, tobte und seinen großen Bruder liebte.
Denn auch die schönen Momente dürfen erzählt werden.
Auch sie sind ein Teil meiner Geschichte.
Abschied in Bildern
Die Geschichte meines Bruders und mir endet hier nicht. Irgendwann verändert sich etwas zwischen uns. Es gibt noch viele Bilder.
Aber heute möchte ich hierbleiben.
Bei diesem kleinen Mädchen.
Bei ihrem Lachen.
Bei ihrem Stoffhasen.
Bei ihrem großen Bruder.
Und bei der Tatsache, dass sie ihn geliebt hat.
Fragen der Liebe
Bei all diesen Bildern frage ich mich heute manchmal, ob ich auch seine Liebe darin noch spüren kann.
Oder ob es diese Liebe nie war.
Ich weiß es nicht.
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