Wenn ich auf andere achte und mich selber verliere
Manchmal sind wir so sehr damit beschäftigt, andere Menschen zu verstehen, dass wir uns selbst aus den Augen verlieren. Wir suchen die Ursachen unserer Gefühle in der Vergangenheit und übersehen dabei, was uns im Hier und Jetzt verletzt. Doch nicht jeder Rückzug ist Bindungsangst. Manchmal ist er ein Zeichen dafür, dass wir beginnen, unsere eigenen Grenzen wieder wahrzunehmen.
Wenn ich auf andere achte und mich selbst verliere
Denn ich habe gelernt, Verständnis zu haben. Ich kann mich in andere Menschen hineinversetzen. Und manchmal bin ich darin so gut, dass ich darüber vergesse, wie es mir selbst eigentlich geht.
Manchmal dauert es lange, bis wir verstehen, warum sich etwas in uns verändert.
Wir suchen nach Antworten in unserer Vergangenheit. In alten Ängsten, in Erfahrungen und Verhaltensmustern, die uns über viele Jahre begleitet haben.
Dabei übersehen wir manchmal etwas Entscheidendes: Dass nicht alles, was wir heute fühlen, seinen Ursprung in unserer Vergangenheit haben muss.
Manchmal liegt die Antwort im Hier und Jetzt.
Das leise Gefühl der Veränderung
Manchmal merke ich erst sehr viel später, dass eine meiner Grenzen überschritten wurde.
Nicht, weil ich keine Grenzen habe.
Sondern weil ich so sehr damit beschäftigt bin, andere Menschen zu verstehen, dass ich mich selbst irgendwann nicht mehr richtig höre.
Es geschieht nicht plötzlich.
Es ist ein schleichender Prozess.
Zunächst ist da vielleicht nur ein Gefühl. Etwas stimmt nicht mehr.
Aber ich kann es nicht greifen. Ich kann es nicht benennen.
Und dann beginnt mein Körper zu reagieren.
Da baut sich ein Druck auf. Eine innere Anspannung, die nicht einfach verschwindet. Ich werde unruhig. Etwas in mir zieht sich zurück.
Ich merke, dass ich mich verändere.
Aber ich weiß noch nicht, warum.
Die Suche nach Antworten
Weil ich mich selbst inzwischen gut kenne, beginne ich zu suchen.
In meiner Vergangenheit.
In meinen Ängsten.
In meinen alten Verhaltensmustern.
Vielleicht ist es meine Angst vor Nähe.
Vielleicht ist es die Angst, mich wirklich einzulassen.
Vielleicht liegt es an mir.
Ich denke nach. Ich hinterfrage mich. Ich versuche, meine Gefühle zu verstehen.
Und manchmal bin ich dabei so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass ich eine andere Möglichkeit zunächst gar nicht in Betracht ziehe:
Dass mich etwas in meiner Gegenwart verletzt haben könnte.
Dass eine Enttäuschung entstanden ist.
Dass ein Bedürfnis von mir keinen Raum gefunden hat.
Oder dass ich über eine meiner eigenen Grenzen hinweggegangen bin, ohne es sofort zu bemerken.
Verständnis für andere – und wo bleibe ich?
Ich habe gelernt, Verständnis zu haben.
Ich kann mich in andere Menschen hineinversetzen. Ich kann ihre Ängste sehen, ihre Verletzungen, ihre Wünsche und Bedürfnisse.
Ich kann erklären, warum jemand vielleicht so handelt, wie er handelt.
Und manchmal bin ich darin so gut, dass ich darüber vergesse, wie es mir selbst eigentlich geht.
Ich möchte niemanden verletzen.
Ich möchte nicht ungerecht sein.
Ich möchte verstehen, bevor ich urteile.
Das ist eine Eigenschaft, die ich an mir mag.
Aber ich beginne zu begreifen, dass auch Verständnis eine Grenze braucht.
Denn was passiert, wenn ich enttäuscht bin und sofort nach einer Erklärung suche, die meine Enttäuschung kleiner macht?
Wenn ich wütend bin und zunächst überlege, warum der andere vielleicht gar nicht anders handeln konnte?
Wenn ich traurig bin, aber mich frage, ob ich einfach zu empfindlich reagiere?
Dann verschwinden meine Gefühle nicht.
Sie bleiben.
Wenn der Körper etwas erzählt
Die Enttäuschung bleibt.
Die Wut bleibt.
Die Trauer bleibt.
Und irgendwann spüre ich sie nicht mehr nur in meinen Gedanken.
Ich spüre sie körperlich.
Wie einen Druck, der immer größer wird.
Als würde etwas in mir gegen etwas ankämpfen, das ich selbst noch gar nicht verstanden habe.
Ich kann Nähe genießen und gleichzeitig eine Distanz spüren.
Ich kann einen Menschen gernhaben und trotzdem nicht mehr so unbeschwert sein wie zuvor.
Ich kann mich nach Zärtlichkeit sehnen und gleichzeitig merken, dass etwas in mir zurückweicht.
Und das Verwirrende daran ist, dass beides wahr ist.
Es gibt schöne Momente.
Es gibt Gefühle.
Es gibt Verbundenheit.
Und trotzdem ist da etwas, das meine Aufmerksamkeit braucht.
Vielleicht habe ich die falsche Frage gestellt
Lange habe ich versucht, solche Widersprüche ausschließlich in mir selbst aufzulösen.
Ich wollte verstehen, warum ich mich verändert habe.
Und vielleicht habe ich dabei manchmal die falsche Frage gestellt.
Nicht nur:
Was stimmt mit mir nicht?
Sondern auch:
Was ist eigentlich passiert?
Was habe ich erlebt?
Was habe ich mir gewünscht?
Was hat mich enttäuscht?
Und an welcher Stelle habe ich begonnen, meine eigenen Gefühle weniger wichtig zu nehmen als die eines anderen Menschen?
Diese Fragen verändern etwas.
Denn plötzlich muss ich nicht mehr ausschließlich in meiner Vergangenheit nach Antworten suchen.
Ich darf auch meine Gegenwart betrachten.
Ich darf enttäuscht sein.
Ich darf wütend sein.
Und ich darf traurig darüber sein, dass etwas, das für mich wichtig war, vielleicht nicht dieselbe Bedeutung für einen anderen Menschen hatte.
Ohne dass jemand deshalb ein schlechter Mensch sein muss.
Die Einsamkeit dazwischen
Und dann ist da noch etwas, das ich lange nicht richtig benennen konnte.
Einsamkeit.
Nicht die Einsamkeit, wenn niemand da ist.
Sondern eine Einsamkeit, die auch in der Nähe eines anderen Menschen entstehen kann.
Wenn ich etwas fühle, für das ich selbst noch keine Worte habe.
Wenn ich mich verändere und noch nicht erklären kann, warum.
Wenn ich mir wünsche, verstanden zu werden, aber selbst noch damit beschäftigt bin, mich zu verstehen.
Manchmal wünsche ich mir in solchen Momenten keine Lösung.
Keine Erklärung.
Keinen Ratschlag.
Sondern einfach jemanden, der neugierig bleibt.
Der fragt.
Der zuhört.
Der aushält, dass ich vielleicht noch keine Antwort habe.
Und manchmal muss ich auch erst lernen, genau das auszusprechen.
Denn niemand kann meine Gedanken lesen.
Aber ich darf mir wünschen, dass jemand Interesse daran hat, sie kennenzulernen.
Wenn Nähe und Distanz gleichzeitig da sind
Es ist nicht immer leicht, diese Gefühle einzuordnen.
Manchmal sehne ich mich nach Nähe und brauche gleichzeitig Abstand.
Nicht, weil ich weniger fühle.
Sondern weil ich zunächst verstehen möchte, was in mir geschieht.
Früher hätte ich vielleicht sofort versucht, diesen Abstand zu überwinden.
Ich hätte nach einer Erklärung gesucht, mich angepasst oder versucht, die Harmonie wiederherzustellen.
Heute möchte ich genauer hinsehen.
Nicht jeder Rückzug ist Bindungsangst.
Manchmal ist er auch die Folge einer Enttäuschung, für die ich zunächst keine Worte hatte.
Manchmal brauche ich Zeit.
Und manchmal darf etwas einfach traurig sein, ohne dass es sofort repariert werden muss.
Mich selbst wieder wahrnehmen
Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, wie schnell ich mich selbst aus dem Blick verlieren kann.
Nicht einen Abend.
Nicht ein Gespräch.
Es war ein langer Prozess, in dem ich immer wieder versucht habe, meine Gefühle einzuordnen.
Ich habe gezweifelt.
An meiner Wahrnehmung.
An meinen Bedürfnissen.
Auch an mir selbst.
Und irgendwann wurde mir bewusst, dass ich mich häufig gefragt hatte, ob ich anderen Menschen gerecht werde.
Aber viel seltener, ob ich eigentlich auch mir selbst gerecht werde.
Dieser Gedanke macht mich manchmal traurig.
Und manchmal macht er mich wütend.
Vielleicht auch darüber, wie lange ich gebraucht habe, um mich selbst wieder wahrzunehmen.
Aber ich möchte mich dafür nicht verurteilen.
Denn ich lerne noch immer.
Was ich heute über Liebe und Verständnis lerne
Ich lerne, dass Verständnis nicht bedeutet, alles hinzunehmen.
Dass Liebe nicht bedeutet, mich anzupassen, bis ich mich selbst kaum noch spüre.
Dass ich die Bedürfnisse eines anderen Menschen achten kann, ohne meine eigenen zurückzustellen.
Und dass meine Vergangenheit zwar ein Teil von mir ist, aber nicht jede meiner heutigen Empfindungen erklärt.
Ich darf mich verändern.
Ich darf Grenzen setzen.
Ich darf enttäuscht sein, ohne deshalb ungerecht zu sein.
Und ich darf mir wünschen, dass meine Gefühle ebenso viel Raum bekommen wie die Gefühle anderer Menschen.
Vielleicht bedeutet Nähe auch, dass zwei Menschen unterschiedlich empfinden dürfen, ohne dass einer von ihnen seine Gefühle aufgeben muss.
Ich möchte lieben, ohne mich zu verlieren
Heute weiß ich nicht auf alles eine Antwort.
Aber ich weiß, dass ich meine Gefühle nicht länger übergehen möchte, nur weil ich die Gefühle eines anderen Menschen verstehen kann.
Ich möchte lieben.
Ich möchte vertrauen.
Ich möchte mich einlassen.
Ich möchte Nähe zulassen, ohne meine eigenen Grenzen zu verlieren.
Und ich möchte mich nicht mehr zwischen Verständnis für andere und Verständnis für mich selbst entscheiden müssen.
Denn beides darf nebeneinander existieren.
Ich gebe der Liebe eine Chance.
Aber nicht mehr auf meine Kosten.
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